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Keep Calm?! Der Veggie Day und deutsche Demokratie

Es passiert tatsächlich. Die Jugendorganisationen der deutschen Bundesregierung stellen sich vor die Parteizentrale der Grünen Partei um gegen einen Tag zu demonstrieren, an dem man in der Mensa oder Kantine statt zwischen Schnitzel und Bratwürstchen zwischen Spaghetti Arrabiata und einer Reispfanne wählt.
Wir haben noch 46 Tage bis zu einer Wahl die das Schicksal von 80 Millionen Menschen beeinflusst. Mehr Menschen noch, wenn man Deutschlands führende Rolle in Europa bedenkt.
Und tatsächlich. Der Wahlkampf wird seit gestern vom Thema Essen dominiert. Es ist so verdammt absurd. Und dann wiederum auch so bezeichnend für unser aktuelles politisches System.
Wie kommt es, dass sich tatsächlich Menschen über so etwas wie den Veggie Day aufregen können, zu anderen Dingen, auf Twitter war der Abhörskandal als Beispiel sehr beliebt, aber nichts kommt?
Es scheint fast so, als hätten die Parteien vor den großen Themen kapituliert. Als wäre klar, dass man sowieso nichts Grundlegendes ändert, und deswegen verstrickt man sich lieber in Essensfragen als über unsere diskriminierende Gesellschaft oder ähnlich deprimierendes zu reden.
Wir errichten mit diesem Wahlkampf eine ganz eigene Filterblase, in der ein Kantinenernährungsvorschlag Nazivergleiche hervorruft.
Wir machen es uns damit leicht, unbequeme Wahrheiten zu ignorieren wie etwa, dass eine Merkel-Abwahl nicht besonders wahrscheinlich ist. Oder, dass auch Rot-Grün nichts an den deutschen Zuständen ändern wird, und ein mutigeres Rot-Grün-Rot wird das Patriarchat auch nicht einfach abschaffen und den (Alltags-)Rassismus und Antisemitismus aus den Köpfen vertreiben können – let’s face it: vermutlich haben das viele der möglichen Beteiligten noch nicht mal vor.
Es kommt mir fast so vor, wie wenn die Demokratie in Deutschland für alle Beteiligten immer mehr zur Qual zu werden scheint, da sich ja doch nichts ändert.
Was sonst wollen einem so Sprüche wie „Cool bleiben und Kanzlerin wählen“ (von der Jungen Union) und „Keep Calm and vote for ‚Die Linke‘“ aufzeigen, wenn nicht die Politikverdrossenheit der Politiker*innen?
Statt ansatzweise selber politisch aktiv zu werden, oder wenigstens aktiv zu denken lieber ruhig sein, und andere ihre Arbeit machen lassen, ohne drüber nachzudenken, ob es bessere Optionen und Möglichkeiten gäbe – wenn das der Traum von JU und der Linken gleichermaßen ist, von Bewohner*innen einer wehrhaften Demokratie, na dann, danke.
Man könnte auch die mediale Aufmerksamkeit des Wahlkampfs nutzen um Bürger*innen dabei zu helfen sich und ihre Welt zu reflektieren, nein, stattdessen wird auf Kindergartenniveau um Stimmen gestritten.
Da braucht man sich auch nicht über Tweets wundern wie diesen hier, von @totalreflexion: „Ich fühle mich von diesem Wahlkampf intellektuell unterfordert.“