Archiv der Kategorie 'I can't relax in Deutschland'

„Es geht allein ums Gewinnen!“

Letzten Sommer, als im Schatten des nationalistischen Freudentaumels der WM mal wieder von allen Seiten verkündet wurde, wie ungefährlich doch das bisschen Fahneschwenken wäre, und dass man schließlich nur gemeinsam feiert, allen Nationen zusammen, hatte ich plötzlich Ron Weasleys Stimme im Kopf, der Hermine anschreit und erklärt:

»Nein, Blödsinn! Es geht allein ums Gewinnen!« (S. 442)

In einem Essay für ein Uniseminar durfte ich nun darstellen, inwiefern sich die „Party-Patriotismus“-Debatte im Konflikt um das Trimagische Turnier im vierten Teil von Harry Potter wiederfindet, hier veröffentliche ich jetzt einen Teil davon, gekürzt und stellenweise umformuliert.
Nicht behandeln werde ich die andere „Patriotismus“-Debatte in Harry Potter. Die Rivalität zwischen den vier Schulhäusern in Hogwarts kann auch mit einer Form des „Patriotismus“ verglichen werden, jedoch soll es hier um die positive Identifikation mit einem größeren Kollektiv, der Schule, gehen. Im vierten Band tritt für diese positive Identifikation mit der gesamten Schule der Kampf zwischen den Schulhäusern in den Hintergrund, der reguläre Quidditch-Betrieb entfällt, zugunsten des „Trimagischen Turniers“, ähnlich der grausamen Länderspielpausen der Bundesliga. Dabei steht dieses Schulkollektiv stellvertretend für ein Nationenkollektiv. Das von Rowling gedachte Kollektiv ist dabei jedoch eines, dass auf gemeinsamen Werten, beziehungsweise der gleichen Schulangehörigkeit beruht. Diese ist rein theoretisch auch wechselbar. Im Gegensatz dazu steht die Vorstellung eines „deutschen“ Kollektiv, die Volksgemeinschaft, der man nach Geburt angehört oder nicht.

Rowling führt neben der britischen Schule „Hogwarts“ noch die französischsprachige Schule „Beauxbaton“ und „Durmstrang“ ein, das „irgendwo im hohen Norden“ (S. 175) vermutet wird. Verbunden mit diesen beiden nicht-britischen Kollektiven werden bestimmte Stereotype, wie zum Beispiel bestimme Speisen und Akzente, und auch Vorurteile:

»Also denkt er, Durmstrang hätte besser zu ihm gepasst«, sagte sie (Hermine, Anm. d. Verf.) wütend. (…) »Durmstrang ist auch eine Zaubererschule?«, fragte Harry. »Ja«, sagte Hermine naserümpfend, »und sie hat einen fürchterlichen Ruf. Dem Handbuch der europäischen Magierausbildung zufolge legen sie dort großen Wert auf die dunklen Künste.« (S. 174)

Weiterhin erklärt Hermine:

»Es gibt seit jeher viel Rivalität zwischen den Zaubererschulen. Durmstrang und Beauxbatons ziehen es vor, sich zu verbergen, damit niemand ihre Geheimnisse stehlen kann«, sagte Hermine, als sei dies das Natürlichste von der Welt. (S. 175)

Dass Hermine, die selbst erst drei Jahre zuvor von der Hexen- und Zaubererwelt erfahren hatte, hier eine angebliche „Natürlichkeit“ der Feindschaft zwischen den Schulen betont, erscheint skurril, zeugt jedoch auch von einem gewissen Integrationsmoment, der in der Identifikation mit einem Kollektiv stecken kann, um gesellschaftliche Schichten zu verbinden.

Der zentrale Handlungsstrang dreht sich nun um das Trimagische Turnier:

»Das Trimagische Turnier fand erstmals vor etwa siebenhundert Jahren statt, als freundschaftlicher Wettstreit zwischen den drei größten europäischen Zaubererschulen – Hogwarts, Beauxbatons und Durmstrang. Jede Schule wählte einen Champion aus, der sie vertrat, und diese drei mussten im Wettbewerb drei magische Aufgaben lösen. Die Schulen wechselten sich alle fünf Jahre als Gastgeber des Turniers ab, und alle fanden, dies sei der beste Weg, persönliche Bande zwischen jungen Hexen und Magiern verschiedener Länder zu knüpfen.« (S. 196f.)

Die gewünschte Einstellung der Schüler*innen zu diesem Turnier macht Albus Dumbledore, der Schulleiter, dabei in seiner Rede am Anfang des Schuljahres deutlich:

»Ich weiß, dass ihr unsere ausländischen Gäste mit größter Herzlichkeit empfangen und den Hogwarts-Champion mit Leib und Seele unterstützen werdet.« (S. 198f.)

Dumbledore fordert also von seinen Schüler*innen einen „fröhlichen Patriotismus“ ein, bei dem „die Welt zu Gast bei Freunden“ ist, also eine Abgrenzung nur über den positiven Bezug auf die eigene Gruppe, ohne Abwertung der anderen.

Der Höhepunkt der Debatte findet schließlich am „Weihnachtsball“ statt. Hermine Granger hat sich mit dem Champion aus Durmstrang, Viktor Krum, verabredet und damit die Eifersucht von Ron geweckt, was zu einer Diskussion über den eigentlichen Sinn des Turniers führt:

»Er ist aus Durmstrang!«, zischte Ron. »Er kämpft gegen Harry! Gegen Hogwarts! Du – du – « Ron suchte offenbar nach Worten, die stark genug waren für Hermines Verbrechen, »du verbrüderst dich mit dem Feind, das ist es!« (…) »Ich würde ihm nie und nimmer helfen, das Eierrätsel zu lösen!“, sagte Hermine empört. »Niemals. Wie kannst du nur so etwas sagen – ich will, dass Harry das Turnier gewinnt. Das weißt du doch, Harry, oder?« »Komische Art, das zu zeigen«, höhnte Ron. »Der Sinn dieses ganzen Turniers soll es doch sein, Zauberer aus anderen Ländern kennen zu lernen und Freundschaften zu schließen!«, sagte Hermine schrill. »Nein, Blödsinn!«, rief Ron. »Es geht allein ums Gewinnen!« (S.441f.)

Auch Rons großer Bruder Percy kommentiert auf dem Weihnachtsball das darauffolgende Zusammentreffen von Ron und Krum:

»Hast dich mit Viktor Krum angefreundet, Ron?« Percy war herbeigewuselt, rieb sich die Hände und machte eine ungemein wichtige Miene. »Ganz exzellent! Genau darum geht es nämlich – internationale magische Zusammenarbeit!« (S. 443)

Die unterschiedlichen Standpunkte treffen hier aufeinander. Auf der einen Seite wird von Hermine und Percy die Turniersituation, ganz im Sinne von Dumbledore und seinem Wunsch nach einem „fröhlichen Patriotismus“, als Möglichkeit der internationalen Verständigung interpretiert und propagiert.
Auf der anderen Seite steht Ron, der dies als Scheinargument enttarnt, das die Konkurrenzsituation und die daraus folgende positive Selbstbestätigung über das eigene Kollektiv verschleiert. Dabei sieht Ron diese Identifikation mit, und Selbstbestätigung über das Kollektiv „Hogwarts“ nicht als etwas schlechtes, im Gegenteil. Er nimmt eine Rolle ein, in der er Hermine „Verrat“ an ihrem eigenen Kollektiv vorwirft, ähnlich des „Verrats“ derjenigen, die keinen Bock auf Fahnenmeer und Fanmeile haben am Kollektiv der Bundesrepublik.
Während die einen keine Nationalfarben tragen wollen, hat sich Hermine entschieden Krum anstelle von Ron zum Weihnachtsball zu begleiten. Hermine wird von Rita Kimmkorn im Tagespropheten öffentlich an den Pranger gestellt für ein angebliches zu ausschweifendes Liebesleben, inklusive anschließender Hate-Eulen von den eifrigen Leser*innen – und wer gegen Deutschland bei der WM ist oder einen „antideutschen“ Tweet abschickt, bekommt Hasskommentare und Morddrohungen. Das Kollektiv bestraft die Abweichler*innen.

Im Interview mit „The European“ erklärte Dagmar Schediwy:

Der Partypatriotismus ist eine Form des Nationalismus. Das konnte man bei der diesjährigen Fußball-WM zum Beispiel gut am „Gaucho-Gate“ sehen. Bei früheren Fußballevents an Übergriffen gegen Einrichtungen der jeweiligen Nation, die Deutschland aus dem Turnier katapultierte. Das war kein heiterer, aufgeklärter Patriotismus. Spricht man diese Dinge an, werden sie mit Verweis auf Fußballbräuche relativiert. Das Wir-gegen-die-anderen-Schema wird beim internationalen Fußballevent institutionalisiert.

Dieses Wir-gegen-die-anderen-Schema findet man auch beim Trimagischen Turnier institutionalisiert, die Debatte ähnelt sich erstaunlich.
Für die Bewertung des Schemas durch die Lesenden ist nun auch die Wertung der Autorin entscheidend. Joanne K. Rowling fühlt sich selber „Schottland vollkommen zugehörig“ und ist gleichzeitig bekannt für ihr politisches und gesellschaftliches Engagement. Besonders seit dem sie 2009 auf Twitter aktiv geworden ist, nutzt sie ihre Reichweite von 5,6 Millionen Followern um auf soziale Misstände hinzuweisen und für politische Arbeit gegen Diskriminierung. In der Studie zu „Gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit“ der Universitäten Bielefeld und Marburg fanden die Forschenden unter anderem auch heraus, dass es bei einem Patriotismus mit einer starken Befürwortung demokratischer Strukturen zu weniger Fremdenfeindlichkeit komme, zumindest solange die Identifikation mit dem Land keine so wichtige Rolle spielt, trotzdem immer unter Vorbehalt, dass diese Stimmung kippen kann. Dass Rowling sich zum Beispiel in der Debatte um das Referendum in Schottland gegen die nationalistischere Idee der Unabhängigkeit ausgesprochen hat, zeigt wie gut sie in diese erdachte Kategorie passt. Ihre eigenen Werte stehen über ihrer Liebe zu dem Land. Das ist schließlich auch die Botschaft, die Rowling am Ende in ihrem Buch verkündet, trotz der vorherigen Diskussion:

»Ziel des Trimagischen Turniers war es, das gegenseitige Verständnis unter den Magiern verschiedener Länder zu fördern. Im Lichte dessen, was geschehen ist – der Rückkehr Lord Voldemorts – sind partnerschaftliche Bande wichtiger denn je. (…) Lord Voldemort besitzt ein großes Talent, Zwietracht und Feindseligkeit zu verbreiten. Dem können wir nur entgegentreten, wenn wir ein nicht minder starkes Band der Freundschaft und des Vertrauens knüpfen. Unterschiede in Lebensweise und Sprache werden uns nicht im Geringsten stören, wenn unsere Ziele die gleichen sind und wir den anderen mit offenen Herzen begegnen.« (S. 755f.)

Rowling appelliert also letztendlich durch den Charakter Albus Dumbledore, daran, dass Nationenunterschiede irrelevant sind und keine Rolle spielen sollten.

9. November – Die Unfreiheit der Anderen.

Der 9. November 1938 gilt allgemein als ein Wendepunkt.
Wurden Jüdinnen und Juden bereits seit Jahren diskriminiert (z.B. wurden die Nürnberger Rassengesetze 1935 beschlossen, in den Köpfen herrschte der Judenhass schon seit ca dem 4. Jahrhundert, als moderner Antisemitismus ab ca. 1870), so waren die Pogrome in diesem November der Auftakt für die weitere systematische Verfolgung von Jüdinnen und Juden, bis hin zum industriellen Massenmord, der Shoah.
Dieser 9. November ist nun 76 Jahre her. Geblieben ist der Antisemitismus. Nicht nur in Deutschland, in ganz Europa zeigte dieser Antisemitismus diesen Sommer seine hässliche Fratze so deutlich wie lange nicht mehr. Am 14. September traf sich alles, was in der Politik Rang und Namen hat vor dem Brandenburger Tor um gegen diesen „Judenhass“ aufzustehen, besonders angesichts der Vergangenheit.
Heute versammelten sich wieder Menschenmassen vor dem Brandenburger Tor. Jedoch nicht um ein Zeichen zu setzen, dass man den 9. November als Anlass nehmen sollte jeden Tag weiter gegen Antisemitismus zu kämpfen, nein. Es wird gefeiert! Schließlich fand vor 25 Jahren doch ein viel angenehmeres, bequemeres geschichtliches Ereignis statt. Der Fall der Mauer ist Anlass für Tausende von Menschen auf die Straße zu gehen, die leuchtenden Luftballons zu bestaunen und sich so schön einig und frei zu fühlen.
Während also hier auf den Straßen die Freiheit einiger gefeiert wird, wird die Unfreiheit der Anderen bequemerweise ignoriert. Kanzlerin Merkel spricht absurderweise von der „Kraft zu gestalten“, „wir“ könnten „die Dinge zum Guten wenden“. Dabei sieht sie in die Ukraine, den Nahen Osten – aber bloß nicht ins eigene Land, oder an die EU-Grenzen. Scheinbar reicht das Mitgefühl eben doch nur für deutsche Flüchtlinge.
Aber was erwartet man von einer Politikerin, deren Partei im Land Thüringen gemeinsam mit einem Haufen Nazis am 9. November die Domstufen in Erfurt in ein „Lichtermeer“ verwandelte? Genau. Kein besonders ausgeprägtes Geschichtsverständnis.
Natürlich ist es einfacher sich am 9. November dem eigenen Patriotismus hinzugeben und bei einem schönen „Bürgerfest“ oder einem „Lichtermeer“ den eigenen Staat zu feiern. Und wer will denn an andere denken – schließlich sind „wir“ das Volk.
Es bleibt wohl dabei, scheinbar treibt auch weiterhin nichts so viele Deutsche auf die Straße wie ihr ‚Vaterland‘ – egal ob ’38, ’89 oder ’14.

Keep Calm?! Der Veggie Day und deutsche Demokratie

Es passiert tatsächlich. Die Jugendorganisationen der deutschen Bundesregierung stellen sich vor die Parteizentrale der Grünen Partei um gegen einen Tag zu demonstrieren, an dem man in der Mensa oder Kantine statt zwischen Schnitzel und Bratwürstchen zwischen Spaghetti Arrabiata und einer Reispfanne wählt.
Wir haben noch 46 Tage bis zu einer Wahl die das Schicksal von 80 Millionen Menschen beeinflusst. Mehr Menschen noch, wenn man Deutschlands führende Rolle in Europa bedenkt.
Und tatsächlich. Der Wahlkampf wird seit gestern vom Thema Essen dominiert. Es ist so verdammt absurd. Und dann wiederum auch so bezeichnend für unser aktuelles politisches System.
Wie kommt es, dass sich tatsächlich Menschen über so etwas wie den Veggie Day aufregen können, zu anderen Dingen, auf Twitter war der Abhörskandal als Beispiel sehr beliebt, aber nichts kommt?
Es scheint fast so, als hätten die Parteien vor den großen Themen kapituliert. Als wäre klar, dass man sowieso nichts Grundlegendes ändert, und deswegen verstrickt man sich lieber in Essensfragen als über unsere diskriminierende Gesellschaft oder ähnlich deprimierendes zu reden.
Wir errichten mit diesem Wahlkampf eine ganz eigene Filterblase, in der ein Kantinenernährungsvorschlag Nazivergleiche hervorruft.
Wir machen es uns damit leicht, unbequeme Wahrheiten zu ignorieren wie etwa, dass eine Merkel-Abwahl nicht besonders wahrscheinlich ist. Oder, dass auch Rot-Grün nichts an den deutschen Zuständen ändern wird, und ein mutigeres Rot-Grün-Rot wird das Patriarchat auch nicht einfach abschaffen und den (Alltags-)Rassismus und Antisemitismus aus den Köpfen vertreiben können – let’s face it: vermutlich haben das viele der möglichen Beteiligten noch nicht mal vor.
Es kommt mir fast so vor, wie wenn die Demokratie in Deutschland für alle Beteiligten immer mehr zur Qual zu werden scheint, da sich ja doch nichts ändert.
Was sonst wollen einem so Sprüche wie „Cool bleiben und Kanzlerin wählen“ (von der Jungen Union) und „Keep Calm and vote for ‚Die Linke‘“ aufzeigen, wenn nicht die Politikverdrossenheit der Politiker*innen?
Statt ansatzweise selber politisch aktiv zu werden, oder wenigstens aktiv zu denken lieber ruhig sein, und andere ihre Arbeit machen lassen, ohne drüber nachzudenken, ob es bessere Optionen und Möglichkeiten gäbe – wenn das der Traum von JU und der Linken gleichermaßen ist, von Bewohner*innen einer wehrhaften Demokratie, na dann, danke.
Man könnte auch die mediale Aufmerksamkeit des Wahlkampfs nutzen um Bürger*innen dabei zu helfen sich und ihre Welt zu reflektieren, nein, stattdessen wird auf Kindergartenniveau um Stimmen gestritten.
Da braucht man sich auch nicht über Tweets wundern wie diesen hier, von @totalreflexion: „Ich fühle mich von diesem Wahlkampf intellektuell unterfordert.“