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#EineArmlänge – Eine Presseschau

Was mit zahlreichen Übergriffen auf Frauen an Silvester in Köln begonnen hatte, schaukelte sich schnell zu einer grundsätzlicheren Debatte um den Umgang mit sexualisierten Angriffen hoch. Die Kölner Oberbürgermeisterin Henriette Reker empfahl in einer Pressekonferenz auf Nachfrage und sichtlich überfordert, dass es für Frauen eine Möglichkeit wäre „eine gewisse Distanz zu halten, die mehr als eine Armlänge betrifft“.
Der Absurdität dieser Aussage angemessen entwickelte sich auf Twitter schnell der Hashtag #EineArmlänge unter dem zahlreiche Frauen ihrer Wut Luft machten, dass in der gesellschaftlichen Debatte in der Regel erwartet wird, dass sie sich vor Übergriffen schützen, nicht dass Täter nicht übergriffig werden. Dabei stehen Reker und ihre vorgeschlagenen Maßnahmen (u.a. z.B. auch, dass Frauen sich nur in Gruppen bewegen sollen) nur symptomatisch für ein Phänomen unserer Gesellschaft, das sich unter dem Begriff „victim blaming“ fassen lässt. Die Schuld wird bei den Opfern gesucht, eine Frau ist selber schuld, sei es nun, weil ihr Rock zu kurz und damit zu einladend war, weil sie doch schon mit dem Täter geflirtet hatte oder eben, weil sie nicht gut genug auf die Armlänge Abstand geachtet hatte. Dass die meisten sexuellen Übergriffe in Beziehungen passieren, wird bei solchen Argumentationsmustern zusätzlich unterschlagen.
Spätestens seit #Aufschrei sind trendende Twitter-Hashtags auch relevant genug für Medien außerhalb des Netzwerks und mittlerweile kann man online in fast jeder Zeitung über #EineArmlänge lesen. Ein bisschen was zum Hintergrund und der ausschlaggebenden Pressekonferenz, dann wird, damit auch Nicht-Twitterer mitkriegen was da passiert, das ganze noch mit unterschiedlichen Tweets illustriert und fertig ist der Artikel. Traurigerweise scheint dabei den meisten Journalist*innen nicht aufzufallen, wie sehr sie die Strukturen, die auch mit #EineArmlänge kritisiert werden, wieder reproduzieren.

Einige Beispiele für die Frauenquote* bei den ausgesuchten Tweets in ein paar willkürlich herausgepickten Artikeln:
Bento: 8 von 18
Spiegel Online: 2 von 5
Hamburger MoPo: 2 von 8
Berliner Zeitung: 2 von 9
Berliner Kurier: 2 von 12
Zeit: 0 von 2
Die Welt: 0 von 5

Wie man auf die Idee kommt, dass es ausgerechnet beim Thema sexuelle Übergriffe sinnvoll ist, die Meinung von Männern zu präsentieren, ist mir schleierhaft. So sollte man doch meinen, dass gerade die mehrheitlich Betroffenen von sexueller Gewalt im Internet und auf Twitter im Zusammenhang mit einem Hashtag die Chance hätten gehört zu werden. Leider zeigen sich hier die patriarchalen Strukturen unserer Gesellschaft mehr als deutlich – und als Aushängeschilder für einen Hashtag werden Menschen gewählt, die in der Regel nicht selbst von dem angekreideten Problem betroffen sind.
Eine besondere Erwähnung hat sich übrigens der Stern verdient: in ihrem Artikel zu #EineArmlänge zitieren sie nicht nur bei 11 Tweets keine einzige Frau, was ja an sich bei diesem Hashtag eine Leistung ist – der Artikel liest sich auch noch so, als würde der Hashtag auf Jan Böhmermann zurückgehen. Dass #EineArmlänge bereits eineinhalb Stunden prima ohne Böhmermann lief, bevor der sich einschaltete, getragen von einer ganzen Menge Frauen, scheint da wohl irrelevant zu sein. Ausgerechnet Böhmermann als feministischen Kämpfer zu präsentieren, ist nach zahlreichen sexistischen Ausfällen von seiner Seite (einige Beispiele sind hier mit aufgeführt) besonders widerlich.

Nun werden mir natürlich alle erklären wollen, dass Tweets für Artikel natürlich nach Reichweite und Popularität ausgewählt werden. Das mag einen Heiko Maas Tweet, einen Sascha Lobo Tweet erklären, ja. Eine ausreichende Begründung für Zahlen wie 0 von 11 ist das aber wohl definitiv nicht. Damit ihr, liebe Journalist*innen, die ihr noch über den Hashtag schreiben wollt, euch nicht mal die Mühe machen müsst, habe ich selber ein paar Tweets gesammelt, die sich hervorragend eignen sollten, dabei habe ich verschiedene Kriterien mit einfließen lassen, z.B. haben die meisten dieser Nutzerinnen über 2500 Follower oder Tweets mit mehr als 100 Retweets und/oder Favs:

Es gibt also keine Ausreden.

Und liebe feministischen Männer, die ihr da diesen Hashtag mitgefüllt habt, vielleicht lasst ihr euch das hier ja nochmal durch den Kopf gehen:

*Meine Rechnung ist natürlich schwierig, weil ich bei Nutzern, die ich nicht aufgrund ihres Namens oder Fotos innerhalb des binären Geschlechtersystems als „Frau“ zuordnen konnte, nicht mitgezählt habe. Da jedoch die Journalist*innen wohl ebenso maximal dieses Wissen haben dürften, spielt das für meine Kritik keine weitere Rolle.

Der „Ich kann doch kein*e … sein“-Reflex der Linken

Auf der re:publica gab es einen Vortrag zur sog. Broken Comments Culture von @fraeulein_tessa. U.a. ging es darum, dass Online-Aktivist*innen, doch bitte nicht so schnell verbraucht werden sollen, und man die Handlungen der Personen kritisieren soll, und nicht die Personen selber.
Klingt prinzipiell doch plausibel, wurde von vielen geteilt, und ist eigentlich auch ein Appell, den ich teile.
Denn: wunderbar, wenn wir alle nur noch auf sachlicher Ebene kritisieren würden, und das nett in einer DM oder im Privatgespräch, anstatt öffentlich via Twitter einen Shitstorm anzufachen.
Das Problem ist nur, wenn diese Kritik nicht ankommt.

Man sieht sich selber als links (ob das der Rest der Linken auch so sieht, ist nochmal eine andere Frage), und engagiert sich politisch gegen Diskriminierungen, vielleicht aus einer persönlichen Betroffenheit heraus, als Frau*, als Nicht-Hetero, als Nicht-Cis, als Jüdin, als Muslima, als PoC, als… Man hat vielleicht auch begriffen, dass Antisemitismus und Rassismus keine Phänomene eines rechten Gesellschaftsrandes sind, sondern tief in der Gesellschaft verankert sind, durch Ressentiments und auch durch offene Vorurteile.

Was leider viel zu viele linke Menschen nicht begriffen haben: auch durch das Label „Links“, ist man nicht plötzlich frei von diskriminierendem Denken oder Verhaltensmustern.
Man sieht es bei den Montagsdemos, bei denen viele linke Menschen mitlaufen, was jedoch zwanghaft von anderen Linken abgelehnt wird, da bei dieser Friedensbewegung eine so große Menge an Verschwörungstheorien und Antisemitismus herumschwirrt, dass man sich sicher ist: Menschen, die das gut finden, können nicht links sein (Hierzu empfehle ich den Blogeintrag von @GoldsteinChucky).
Es gibt homosexuelle Männer*, die meinen, weil sie von der Gesellschaft diskriminiert werden, könnten sie ja selber gar nicht diskriminierend sein, sie sind ja selber Opfer und können dann ja jetzt einen linken Raum für sich nutzen, weil sie ja von der Gesellschaft unterdrückt werden – und übersehen dabei andere, denen es vielleicht ähnlich geht, die innerhalb dieses geschützten Raumes aber noch kein solches Selbstbewusstsein aufbauen konnten.
Oder Menschen, die sich selbst als israelsolidarisch bezeichnen, und total das Bewusstsein haben für den Antisemitismus anderer – aber weil sie ja grundsätzlich links sind, dabei total übersehen, wenn sie selber voller Vorurteilen sind.
Oder Menschen, die sich seit Jahren antifaschistisch engagieren und meinen, deshalb wäre es ja unmöglich, dass sie sich selbst antisemitisch geäußert haben -schließlich sind sie ja links und bekämpfen doch die Antisemit*innen…

Und genau das ist der Punkt. Was nützt es uns, wenn wir uns alle auf einer total sachlichen Ebene kritisieren, wenn es nicht angenommen wird?
‚Hey, ich bin links, du brauchst mir also gar nichts erzählen, ich weiß selber am Besten, dass ich nicht diskriminierend gewesen sein kann – schließlich habe ich mich doch selbst schon reflektiert und werde ja selber auch unterdrückt‘ – Juhu! Nicht.
Mich kotzt es an, dass sich diese Scheinheiligkeit aufgebaut hat, eine Schutzmauer des ‚Linkssein‘ hinter die man sich verziehen kann, sobald irgendwie an der eigenen Rolle als strahlende*r Retter*in der Gesellschaft vor den blöden Rechten und der genauso blöden Mitte der Gesellschaft gekratzt wird.
Links sein, schützt nicht vor diskriminierendem Verhalten und Denken, ich wiederhole es gerne nochmal, denn es ist ja irgendwie noch nicht überall angekommen.

Die Gesellschaft – das sind auch wir. Jede*r von uns ist Teil dieser Gesellschaft und mit den gleichen Ressentiments aufgewachsen wie die Anderen™. Man ist nicht automatisch plötzlich ein besserer Mensch, bloß weil man sich als Links bezeichnet und einmal überlegt hat, dass Diskriminierungen ja schon eher doof sind.
Man kann zu einem besseren Mensch werden, wenn man sich nicht mit Labels aufhält, die eigenen Vorurteile abbaut und überwindet, ja. Aber das ist nicht so einfach, wie wir es gerne hätten. Es ist ein ständig andauernder Prozess und ich wage es die eigentlich nicht sonderlich steile These aufzustellen, dass es nirgendwo auf der Welt einen Menschen gibt, der nicht irgendwelche diskriminierenden Denkmuster hat.
Und sobald man das eingesehen hat, kann man sich doch eigentlich schon auf den Weg der Besserung begeben.
Ja auch ich habe nicht die Weisheit mit Löffeln gefressen, und verdiene garantiert keinen Heiligenschein. Und auch ich habe Kritik, die mir zugetragen wurde teilweise wirsch weggewischt.
Aber ich versuche daraus zu lernen und würde mir wünschen, wenn das andere auch tun würden.
Wir haben das Internet, wir haben Filterblasen, wir haben Menschen in unserem Umfeld, die sich eben mit dem einen oder anderen Thema besser auskennen, die uns dann vielleicht auch mal darüber aufklären, wenn wir gerade dumme Klischees reproduzieren. Das sollte für uns kein Anlass sein, diese Menschen zu blocken, sondern wir sollten uns, so schwer es auch fällt, mal überlegen, ob da vielleicht was wahres dran ist.
Es hat nichts mit Selbstschutz zu tun, wenn wir uns vor unseren eigenen Ressentiments verstecken. Das ist einfach nur Selbstbetrug.

Der #Aufschrei und die Konsequenzen

Es ist krass, was mensch alles für Geschichten unter dem Hashtag #Aufschrei auf Twitter zu lesen bekommt.
Ich hab das Gefühl ich müsste Kotzen, wenn ich lesen muss, dass „Der Schwimmlehrer, der alle Mädchen im Kurs zur Begrüßung auf den Mund küsste – die jeweils jüngste mit Zunge“ (@totalreflexion) keine Konsequenzen zu spüren bekommen hat (sic!).
Genauso schlimm ist aber eigentlich, was einem selber alles so einfällt.
Der Lehrer, der immer viel zu nah hergekommen ist, dem mensch deswegen immer im Flur ausgewichen ist.
Der Vater aus meiner Kita, der beim ersten Treffen einen dummen Spruch über meinen Ausschnitt gemacht hat, und dem sein zweijähriger Sohn versucht mich auszuziehen, und mensch sich einfach nur noch denkt: „Da wissen wir ja woher es kommt.“
Der Typ im Club, mit dem ich rumgemacht habe, und der nicht akzeptieren wollte, dass ich nicht mehr will, bis ich aufs Klo geflüchtet bin.
Die Typen, die mir vorwerfen assi zu sein, weil ich den Typen im Club stehen gelassen habe, weil er meine Grenze nicht akzeptiert hat, und dass ich mich nicht wundern brauche, wenn „Männer“ Grenzen nicht verstehen, wenn wir „Nein“ sagen aber „Ja“ meinen.
Sachen, die einem unwichtig erschienen, nicht wert, dass mensch sie ausspricht, jemandem mitteilt.
Sachen, die scheinbar so vielen aber auch passiert sind, und die jetzt teilweise gesammelt werden.

Mir persönlich fallen außerdem gerade tausend Momente ein, in denen ich erwartet habe, jetzt eine sexistische Bemerkung zu hören. Oder in denen ich nichts gesagt habe, weil ich nicht abgestempelt werden wollte.
Als Feministin. Als „Emanze“. Als „humorlos“.
Komische Blicke, weil ich Fußball mag. Ein dummer Spruch über meine „Unentspanntheit“, weil ich es nicht so stehen lassen wollte, als einer in Gemeinschaftskunde meinte, dass Frauen hinter den Herd gehören.
Es ist die Tatsache, dass mensch sich in dieser Gesellschaft dafür schämt Feminist*in zu sein.

Doch das ganze Über-die-Vergangenheit-Reden, okay. Aber was soll jetzt daraus werden?
Dass die Gesellschaft mal eben aufhört sexistisch zu sein, ist ja wohl eher ein Wunschtraum.
Ich denke, wir müssen zwei Konsequenzen daraus ziehen.
Eine, jeder persönlich: Wir müssen aufhören zu schweigen und hinzunehmen, wir müssen in Situationen einschreiten und uns wehren, wenn es zu sexistischen Bemerkungen oder Übergriffen kommt, wir müssen solidarisch mit anderen (Frauen*) sein.
Ich weiß, es ist nicht einfach gegen Fremde aufzustehen, genauso wenig wie gegen Freund*innen. Das erfordert Mut. Ich weiß auch nicht, ob ich es jedes Mal schaffen werde. Aber gerade in einer Gruppe/in der Öffentlichkeit, wenn mensch höflich bleibt, und es nicht gerade mit einem Nazischläger zu tun hat, wo mensch um die eigene Sicherheit fürchten muss, sollte es doch möglich sein zu sagen: „Hey, das ist falsch, Sie/Du überschreiten/überschreitest da eine Grenze!“
Dann sind wir halt Emanzen, verklemmt oder humorlos! Wenigstens haben wir ein gutes Gewissen, dass wir richtig mit Menschen umgehen.
Die zweite Konsequenz muss gesellschaftlich kommen.
Ja. Ich weiß. Wie soll mensch gegen den Großteil der Gesellschaft vorgehen?
Ich glaube, wenn der Staat mit Gesetzen und Regelungen etwas fördert, dann kann es auch in die Köpfe der Menschen übergehen.
Wir brauchen nicht nur einen simple Aussage im Grundgesetz von wegen: „Männer und Frauen sind gleichberechtigt. Der Staat fördert die tatsächliche Durchsetzung der Gleichberechtigung von Frauen und Männern und wirkt auf die Beseitigung bestehender Nachteile hin.“ (Art. 3 (2), GG) Der zweite Satz muss auch umgesetzt werden!
Das heißt: Frauenquote, 50+. Das heißt Empowerment von Mädchen in Schulen, das heißt echte Möglichkeiten Familie und Beruf unter einen Hut zu bringen, nicht nur für Frauen.
Es muss möglich sein, dass Kinder nicht schon in jüngstem Alter mit ihrem Geschlecht konfrontiert werden. Lehrer*innen und Erzieher*innen also gerade Menschen, die mit Kindern arbeiten, brauchen besondere Fortbildungen bzw. Teile in ihrer Ausbildung in denen sie für Gender und Geschlechtergerechtigkeit sensibilisiert werden.

Und so weiter und so fort. Wir müssen für unsere Post-Gender-Gesellschaft arbeiten.

Edit (25.1.13, 19:30)
Und bitte: nehmt Frauen (und auch Nicht-Frauen) ernst, wenn sie von sexuellen Bedrängnissen erzählen. Nicht sie müssen sich rechtfertigen, sondern die Täter*innen.

Kondome gegen Deutschland (2)

Im zweiten Teil zu diesem Thema geht es vor allem darum, was eine Schwangerschaft mit einer Frau macht, mit einer Feministin.
Da hat mensch also diese grundsätzliche Idee von einer Welt ohne Geschlechter, wünscht sich eine komplette Gleichberechtigung aller Menschen. Und dann: schwanger. DIE weibliche Eigenschaft an sich… Wann ist eine Frau denn bitte weiblicher als wenn sie schwanger ist?
Frau wird reduziert auf den eigenen Bauch und nicht nur beim Thema Schwangerschaftsabbruch wird oftmals das Kind über die Mutter gestellt, schließlich dient es dem „Volkserhalt“.
Während der Schwangerschaft Kaffee trinken, schwere Dinge tragen oder Rauchen? Bloß nicht, dass könnte doch dem Baby schaden.
Der schwangeren Frau wird dabei jegliche Möglichkeit der freien Entscheidung abgenommen, schließlich beeinflussen doch die Hormone ihre Entscheidungsfähigkeit viel zu sehr… Es ist unglaublich, wie sehr frau durch die Schwangerschaft zur reinen Gebärmaschine degradiert wird.
Hat frau die Schwangerschaft gut überstanden, bleibt die Frage nach der eigenen Rolle als Elternteil. Es gibt den Mutterschutz, und in den meisten Fällen wird auch die Elternzeit zu einem Großteil von Frauen beansprucht, bei Männern sind es meistens nur die 2 Monate, die Pflicht sind, damit die Frau noch länger zuhause bleiben kann, und dafür Geld kriegt…
Ich als Feministin, möchte nicht in so ein Rollenbild gedrängt werden, wer als Frau nicht zuhause bleibt ist aber automatisch als Rabenmutter verschrieen: „Wie kann man es denn als Mutter übers Herz bringen, sein Kind schon mit einem Jahr wegzugeben?“
Noch schöner ist es ja als alleinerziehende Mutter, in meiner Kita gibt es zwei oder drei alleinerziehende, berufstätige Mütter, die ihr Kind entsprechend lange in der Kita lassen, da ist halt der*die Zweijährige öfter mal von acht bis fünf in der Kita. Da fängt dann schon eine der Erzieher*innen immer an zu motzen, was das denn soll, wieso man sich dann überhaupt Kinder zulegt, wenn man keine Zeit mit ihnen verbringen will.
Ganz abgesehen davon, dass ich den Begriff Kinder „zulegen“ nicht besonders passend finde, ist es auch ziemlich mies diese Mütter dafür zu verurteilen, was sie für ein Lebensmodell gewählt haben (ob freiwillig oder nicht ist ja egal).
Grundsätzlich ist auch die Frage, in wie weit mensch als (links-)politischer Mensch selber seinen Idealen treu bleiben kann als Elternteil.
Ich kann mit einer*einem Zweijährigen nicht wirklich wie gleichgestellt umgehen, egal wie sehr ich mir das wünsche. Mir fallen auf Anhieb mehrere Situationen ein, in denen sich ein Kind ernsthaft verletzt hätte, wäre ich nicht als Autoritätsperson eingeschritten.
Basisdemokratie mit (Kleinst-)Kindern erscheint mir also aus eigener Erfahrung nicht wirklich möglich, klar kann ich es selber entscheiden lassen, was es spielen möchte, oder es entscheiden lassen, welche Kleidung es anzieht.
Aber es ist in unserer aktuellen Gesellschaft notwendig als Erwachsener für ein Kind Verantwortung zu übernehmen, gerade in formalen Sachen (Thema Wahlalter 0…). Aber auch im Alltag sind Kindern teilweise einfach hilflos, alleine schon was so banale Sachen wie Essen angeht.
Als Person, die sich Menschen so frei wie möglich wünscht, muss man nun in der Praxis also genau die Grenze finden, ab wann eine Entscheidung gemeinsam getroffen werden kann, und bis wann eine „Autoritätsentscheidung“ notwendig ist.
Und schon während ich das schreibe, finde ich es komplett falsch, dass es so ist, weiß aber leider keine Lösung, wie in diesem Fall das Ideal und die Praxis zusammen passen, ich durfte letzte Woche zwar an einem tollen Workshop zu „gleichberechtigter“ Bildung teilnehmen, aber ich weiß einfach nicht, wie solche Modelle wie Paulo Freires Pädagogik der Unterdrückten auf Situationen im Alltag mit (Kleinst-)Kindern übertragbar sind, die sich teilweise noch nicht wirklich verständigen können.

Kondome gegen Deutschland?

Vor einer Woche auf einer WG Party war ein Typ, der meinte, dass es eklig wäre, wenn sich zwei Männer küssen. Vor der jüdischen Kita in der ich arbeite, steht alle Stunde ein Polizeiwagen, und irgendein CDU-Politiker aus dem baden-württembergischen Landtag erklärt in einem Antrag, dass die „Belastung der Sozialsysteme“ durch autistische Menschen „nicht ohne Weiteres hingenommen werden darf“ (Antrag zu Autismus im Landtag BW) Solche Momente zeigen mir mal wieder, dass eine Welt ohne Ausgrenzung noch meilenweit entfernt ist. Trotzdem habe ich die Frage meiner Kollegin neulich, ob ich Kinder will mit ‚Ja‘ beantwortet.
Wie passt das zusammen? Will ich in einer Welt, in der Menschen so denken wirklich Kinder bekommen?
Jeder Mensch, der sich als Elternteil eines Kindes sieht, will möglichst jedes Leid von ihm fernhalten, auch wenn dass natürlich nicht geht, jede*r fliegt mal auf die Schnauze. Aber gewisse Leiden hängen nun mal mit dem vorherrschenden System und der bestehenden Gesellschaft zusammen, in einer idealen Welt gäbe es keine Sorgen wegen Jobs bzw. deren Verlust, oder wegen irgendwelcher Nazis oder homophober Arschlöcher.
An manchen Tagen kann ich auch einfach Torsun von Egotronic und seine Vasektomie verstehen, die er seiner Mutter gegenüber mit der Aussage „Ich will, dass die Deutschen aussterben!“ rechtfertigte (S.124, Z. 4; Raven wegen Deutschland von Torsun und Kulla).
Und genau genommen ist das ja die zweite große Gefahr. Was, wenn meine Kinder nicht zu den Leidenden werden, sondern zu denen die Leid zufügen? Kann ich das nur durch meine Erziehung verhindern?
Ich bin mir 100% sicher, dass der Mann mit dem ich mal Kinder kriegen werde, links sein wird. Für „unpolitische Beziehungen“ ist mein Leben mittlerweile zu politisch, ich kann nicht mit einem Menschen so viel von meinem Leben teilen, wenn er gendern für Blödsinn hält, und Deutschland geil findet. Ich kann es mir einfach nicht mehr vorstellen.
Da hat dann also dieses Kind zwei linke Eltern, aber garantiert wird es trotzdem zur EM/WM Zeit aus der Schule oder dem Kindergarten kommen und sich ein Deutschlandtrikot wünschen. Am Ende rebelliert das Kind auch noch politisch gegen uns und wird Nazi.
Wie will man sowas verhindern? Wie kann man die Idee der eigenen Utopie weitergeben bzw. wirklich für eine grundsätzliche Toleranz des Kindes sorgen? Reicht es, wenn mensch es den Kindern vorlebt und sie einen „Onkel“ Flo haben, der schwul ist, und eine „Tante“ Haimi, die vietnamesische Eltern hat? Gerade als jemand der in einer Kita arbeitet merke ich selber, wie viel ein Kind von dort mitnimmt, gerade an dummen Sachen. Am liebsten wird das nachgemacht, wo die Erwachsenen schimpfen. Auch sonst wird man von seiner Umgebung geprägt, sei es durch Werbung oder Fernsehen und andere Kinder/Freund*innen.
Eine Mutter in der Kita hat erzählt, sie hätte ihrer Tochter immer die Sachen von den beiden älteren Brüdern angezogen und trotzdem kam irgendwann die Pink-Phase, egal was sie ihr auch an schönen blauen/grünen/… Sachen angeboten hat.
Hier geht es jetzt nur um eine Farbe, aber was macht man als Elternteil denn wirklich, wenn das Kind z.B. anfängt Rechtsrock zu hören? Verbieten? Ganz abgesehen davon, dass ich das politisch nicht für sinnvoll erachte, bringt es auch einfach nichts. Der Reiz des Verbotenen und so.
Irgendwie scheint die Idee von Kindern also nicht sehr reizvoll, trotzdem halte ich weiterhin an einem grundsätzlichen Kinderwunsch fest, auch wenn das Einzige, womit ich ihn begründen kann, ein gewisser Drang nach dem Weitergeben von Genen ist, bzw. die Idee, dass ich selber es doch auf die Reihe kriege, dass ich es besser kann…
Es bleibt schließlich die Hoffnung, dass meine Kinder mal nur gegen mich als Person rebellieren, aber eben nicht gegen meine politischen Ansichten. So war es auch bei mir, egal wie weit ich mit meiner persönlichen Lebensplanung von den Vorstellungen von meiner Mutter weg bin, politisch waren wir immer grundsätzlich auf einer sehr ähnlichen Ebene, was, denke ich, auch in gewisser Weise mit einer grundsätzlichen feministischen, antifaschistischen und pazifistischen Erziehung zusammenhängen muss.
Nicht umsonst war ich in einer Grundschule mit nur drei „Bio-Deutschen“ in der Klasse, und nicht umsonst wurde ich mit 10 auf Anti-Irak-Krieg-Demos mitgenommen. Auch bei meiner Schwester hat das geklappt, also irgendwie scheint es ja doch möglich. Mensch muss nur den richtigen Weg finden, und den hoffe ich gefunden zu haben, bis ich schwanger werde ;)