Archiv der Kategorie 'Antihomophobie'

Der „Ich kann doch kein*e … sein“-Reflex der Linken

Auf der re:publica gab es einen Vortrag zur sog. Broken Comments Culture von @fraeulein_tessa. U.a. ging es darum, dass Online-Aktivist*innen, doch bitte nicht so schnell verbraucht werden sollen, und man die Handlungen der Personen kritisieren soll, und nicht die Personen selber.
Klingt prinzipiell doch plausibel, wurde von vielen geteilt, und ist eigentlich auch ein Appell, den ich teile.
Denn: wunderbar, wenn wir alle nur noch auf sachlicher Ebene kritisieren würden, und das nett in einer DM oder im Privatgespräch, anstatt öffentlich via Twitter einen Shitstorm anzufachen.
Das Problem ist nur, wenn diese Kritik nicht ankommt.

Man sieht sich selber als links (ob das der Rest der Linken auch so sieht, ist nochmal eine andere Frage), und engagiert sich politisch gegen Diskriminierungen, vielleicht aus einer persönlichen Betroffenheit heraus, als Frau*, als Nicht-Hetero, als Nicht-Cis, als Jüdin, als Muslima, als PoC, als… Man hat vielleicht auch begriffen, dass Antisemitismus und Rassismus keine Phänomene eines rechten Gesellschaftsrandes sind, sondern tief in der Gesellschaft verankert sind, durch Ressentiments und auch durch offene Vorurteile.

Was leider viel zu viele linke Menschen nicht begriffen haben: auch durch das Label „Links“, ist man nicht plötzlich frei von diskriminierendem Denken oder Verhaltensmustern.
Man sieht es bei den Montagsdemos, bei denen viele linke Menschen mitlaufen, was jedoch zwanghaft von anderen Linken abgelehnt wird, da bei dieser Friedensbewegung eine so große Menge an Verschwörungstheorien und Antisemitismus herumschwirrt, dass man sich sicher ist: Menschen, die das gut finden, können nicht links sein (Hierzu empfehle ich den Blogeintrag von @GoldsteinChucky).
Es gibt homosexuelle Männer*, die meinen, weil sie von der Gesellschaft diskriminiert werden, könnten sie ja selber gar nicht diskriminierend sein, sie sind ja selber Opfer und können dann ja jetzt einen linken Raum für sich nutzen, weil sie ja von der Gesellschaft unterdrückt werden – und übersehen dabei andere, denen es vielleicht ähnlich geht, die innerhalb dieses geschützten Raumes aber noch kein solches Selbstbewusstsein aufbauen konnten.
Oder Menschen, die sich selbst als israelsolidarisch bezeichnen, und total das Bewusstsein haben für den Antisemitismus anderer – aber weil sie ja grundsätzlich links sind, dabei total übersehen, wenn sie selber voller Vorurteilen sind.
Oder Menschen, die sich seit Jahren antifaschistisch engagieren und meinen, deshalb wäre es ja unmöglich, dass sie sich selbst antisemitisch geäußert haben -schließlich sind sie ja links und bekämpfen doch die Antisemit*innen…

Und genau das ist der Punkt. Was nützt es uns, wenn wir uns alle auf einer total sachlichen Ebene kritisieren, wenn es nicht angenommen wird?
‚Hey, ich bin links, du brauchst mir also gar nichts erzählen, ich weiß selber am Besten, dass ich nicht diskriminierend gewesen sein kann – schließlich habe ich mich doch selbst schon reflektiert und werde ja selber auch unterdrückt‘ – Juhu! Nicht.
Mich kotzt es an, dass sich diese Scheinheiligkeit aufgebaut hat, eine Schutzmauer des ‚Linkssein‘ hinter die man sich verziehen kann, sobald irgendwie an der eigenen Rolle als strahlende*r Retter*in der Gesellschaft vor den blöden Rechten und der genauso blöden Mitte der Gesellschaft gekratzt wird.
Links sein, schützt nicht vor diskriminierendem Verhalten und Denken, ich wiederhole es gerne nochmal, denn es ist ja irgendwie noch nicht überall angekommen.

Die Gesellschaft – das sind auch wir. Jede*r von uns ist Teil dieser Gesellschaft und mit den gleichen Ressentiments aufgewachsen wie die Anderen™. Man ist nicht automatisch plötzlich ein besserer Mensch, bloß weil man sich als Links bezeichnet und einmal überlegt hat, dass Diskriminierungen ja schon eher doof sind.
Man kann zu einem besseren Mensch werden, wenn man sich nicht mit Labels aufhält, die eigenen Vorurteile abbaut und überwindet, ja. Aber das ist nicht so einfach, wie wir es gerne hätten. Es ist ein ständig andauernder Prozess und ich wage es die eigentlich nicht sonderlich steile These aufzustellen, dass es nirgendwo auf der Welt einen Menschen gibt, der nicht irgendwelche diskriminierenden Denkmuster hat.
Und sobald man das eingesehen hat, kann man sich doch eigentlich schon auf den Weg der Besserung begeben.
Ja auch ich habe nicht die Weisheit mit Löffeln gefressen, und verdiene garantiert keinen Heiligenschein. Und auch ich habe Kritik, die mir zugetragen wurde teilweise wirsch weggewischt.
Aber ich versuche daraus zu lernen und würde mir wünschen, wenn das andere auch tun würden.
Wir haben das Internet, wir haben Filterblasen, wir haben Menschen in unserem Umfeld, die sich eben mit dem einen oder anderen Thema besser auskennen, die uns dann vielleicht auch mal darüber aufklären, wenn wir gerade dumme Klischees reproduzieren. Das sollte für uns kein Anlass sein, diese Menschen zu blocken, sondern wir sollten uns, so schwer es auch fällt, mal überlegen, ob da vielleicht was wahres dran ist.
Es hat nichts mit Selbstschutz zu tun, wenn wir uns vor unseren eigenen Ressentiments verstecken. Das ist einfach nur Selbstbetrug.

Kondome gegen Deutschland?

Vor einer Woche auf einer WG Party war ein Typ, der meinte, dass es eklig wäre, wenn sich zwei Männer küssen. Vor der jüdischen Kita in der ich arbeite, steht alle Stunde ein Polizeiwagen, und irgendein CDU-Politiker aus dem baden-württembergischen Landtag erklärt in einem Antrag, dass die „Belastung der Sozialsysteme“ durch autistische Menschen „nicht ohne Weiteres hingenommen werden darf“ (Antrag zu Autismus im Landtag BW) Solche Momente zeigen mir mal wieder, dass eine Welt ohne Ausgrenzung noch meilenweit entfernt ist. Trotzdem habe ich die Frage meiner Kollegin neulich, ob ich Kinder will mit ‚Ja‘ beantwortet.
Wie passt das zusammen? Will ich in einer Welt, in der Menschen so denken wirklich Kinder bekommen?
Jeder Mensch, der sich als Elternteil eines Kindes sieht, will möglichst jedes Leid von ihm fernhalten, auch wenn dass natürlich nicht geht, jede*r fliegt mal auf die Schnauze. Aber gewisse Leiden hängen nun mal mit dem vorherrschenden System und der bestehenden Gesellschaft zusammen, in einer idealen Welt gäbe es keine Sorgen wegen Jobs bzw. deren Verlust, oder wegen irgendwelcher Nazis oder homophober Arschlöcher.
An manchen Tagen kann ich auch einfach Torsun von Egotronic und seine Vasektomie verstehen, die er seiner Mutter gegenüber mit der Aussage „Ich will, dass die Deutschen aussterben!“ rechtfertigte (S.124, Z. 4; Raven wegen Deutschland von Torsun und Kulla).
Und genau genommen ist das ja die zweite große Gefahr. Was, wenn meine Kinder nicht zu den Leidenden werden, sondern zu denen die Leid zufügen? Kann ich das nur durch meine Erziehung verhindern?
Ich bin mir 100% sicher, dass der Mann mit dem ich mal Kinder kriegen werde, links sein wird. Für „unpolitische Beziehungen“ ist mein Leben mittlerweile zu politisch, ich kann nicht mit einem Menschen so viel von meinem Leben teilen, wenn er gendern für Blödsinn hält, und Deutschland geil findet. Ich kann es mir einfach nicht mehr vorstellen.
Da hat dann also dieses Kind zwei linke Eltern, aber garantiert wird es trotzdem zur EM/WM Zeit aus der Schule oder dem Kindergarten kommen und sich ein Deutschlandtrikot wünschen. Am Ende rebelliert das Kind auch noch politisch gegen uns und wird Nazi.
Wie will man sowas verhindern? Wie kann man die Idee der eigenen Utopie weitergeben bzw. wirklich für eine grundsätzliche Toleranz des Kindes sorgen? Reicht es, wenn mensch es den Kindern vorlebt und sie einen „Onkel“ Flo haben, der schwul ist, und eine „Tante“ Haimi, die vietnamesische Eltern hat? Gerade als jemand der in einer Kita arbeitet merke ich selber, wie viel ein Kind von dort mitnimmt, gerade an dummen Sachen. Am liebsten wird das nachgemacht, wo die Erwachsenen schimpfen. Auch sonst wird man von seiner Umgebung geprägt, sei es durch Werbung oder Fernsehen und andere Kinder/Freund*innen.
Eine Mutter in der Kita hat erzählt, sie hätte ihrer Tochter immer die Sachen von den beiden älteren Brüdern angezogen und trotzdem kam irgendwann die Pink-Phase, egal was sie ihr auch an schönen blauen/grünen/… Sachen angeboten hat.
Hier geht es jetzt nur um eine Farbe, aber was macht man als Elternteil denn wirklich, wenn das Kind z.B. anfängt Rechtsrock zu hören? Verbieten? Ganz abgesehen davon, dass ich das politisch nicht für sinnvoll erachte, bringt es auch einfach nichts. Der Reiz des Verbotenen und so.
Irgendwie scheint die Idee von Kindern also nicht sehr reizvoll, trotzdem halte ich weiterhin an einem grundsätzlichen Kinderwunsch fest, auch wenn das Einzige, womit ich ihn begründen kann, ein gewisser Drang nach dem Weitergeben von Genen ist, bzw. die Idee, dass ich selber es doch auf die Reihe kriege, dass ich es besser kann…
Es bleibt schließlich die Hoffnung, dass meine Kinder mal nur gegen mich als Person rebellieren, aber eben nicht gegen meine politischen Ansichten. So war es auch bei mir, egal wie weit ich mit meiner persönlichen Lebensplanung von den Vorstellungen von meiner Mutter weg bin, politisch waren wir immer grundsätzlich auf einer sehr ähnlichen Ebene, was, denke ich, auch in gewisser Weise mit einer grundsätzlichen feministischen, antifaschistischen und pazifistischen Erziehung zusammenhängen muss.
Nicht umsonst war ich in einer Grundschule mit nur drei „Bio-Deutschen“ in der Klasse, und nicht umsonst wurde ich mit 10 auf Anti-Irak-Krieg-Demos mitgenommen. Auch bei meiner Schwester hat das geklappt, also irgendwie scheint es ja doch möglich. Mensch muss nur den richtigen Weg finden, und den hoffe ich gefunden zu haben, bis ich schwanger werde ;)