„Weihnachtsfilm“ gegen das Vergessen?

Ich als Freiheitsstatue 2002 Beim Durchschauen alter Fotos an Weihnachten fiel mir dieses Mal eines besonders ins Auge. Ich, als Freiheitsstatue verkleidet, ganz hinten in der Ecke auf meinem Bett stehend, damit ich eine möglichst weiße Wand als Hintergrund habe. Und auf meinem Arm, als Declaration of Independence, „Als Hitler das rosa Kaninchen stahl“. Nun mag man von dieser Symbolik halten, was man möchte (ein paar Fotos weiter bin ich mit Peacezeichen ins Gesicht gemalt auf dem Weg zu meiner ersten Demo, gegen den Irakkrieg, ich hätte damals wohl nicht mal gewusst, wo auf der Welt der Irak überhaupt ist). Aufgefallen ist mir das Bild jedoch wegen des Buches. Ein weiterer Fotobeweis: Weihnachten 2001 packt meine Schwester das Buch als Geschenk aus. Vermutlich habe ich „Als Hitler das rosa Kaninchen stahl“ also das erste Mal 2002 gelesen, mit acht oder neun, ungefähr im selben Alter wie die Protagonistin Anna zu Beginn des Romans. In der Retrospektive würde ich behaupten, dass es meine Sicht auf den NS mitgeprägt hat, zum ersten Mal wurde ich als Angehörige der Täter_innen-Gesellschaft mit der Betroffenenperspektive des NS konfrontiert und lernte Anna kennen, ein kluges, etwas dramatisches Kind, in dem ich mich irgendwie selbst wiederfand.
In den letzten Dezemberwochen nun schaute mich das rosa Kaninchen nicht nur von Familienfotos, sondern auch von den Plakatwänden an, überschrieben mit „Der Weihnachtsfilm“. Über wie viele Schreibtische das lief, bevor es so in den Druck ging, will ich gar nicht wissen, der Kontext aus dem dieses Zitat kommt, ein Brigitte-Kommentar, liest sich auch in seiner langen Version nicht besser: „Aus Annas Sicht gibt es auf der Flucht viel mehr Alltag als Schrecken, trotz der Entwurzelung ist da immer der Zusammenhalt ihrer Familie, was dem Film Kraft und Hoffnung gibt. Der perfekte Weihnachtsfilm – ob mit der Familie oder ohne.“ Ich weiß nicht, was die verantwortliche Autor_in so für Vorstellungen von Weihnachtsfilmen hat, aber die Idee, einen Film über die Vertreibung und Flucht einer jüdischen Familie zu einer wohligen Abendunterhaltung, zwischen Glühwein trinken und Raclette essen, für zu meist nicht-jüdische Täter_innen-Familien zu machen, mir persönlich behagte die Vorstellung eher weniger.
Trotz dieser Anti-Werbung war ich am vergangenen Wochenende im Kino und habe mir seit dem einiges an Gedanken gemacht. Über Judith Kerr, über Anna, über das rosa Kaninchen, über das Ziel und die Zielgruppen von Shoah Education, aber auch darüber, ob und wie ich eine Erzählung unter diesem Aspekt beurteilen kann, der ich solch einen gewaltigen Einfluss auf mich zuspreche. Und so ist hier ein Text entstanden, eigentlich als Filmkritik angedacht, aber nun voller Schlaglichter und Gedanken, ich hab aber auch eigentlich keine Ahnung, wie eine Filmkritik eigentlich funktioniert, von daher.

Erziehung nach Auschwitz
Diskutiert man über eine pädagogische Auseinandersetzung mit dem NS, dann sind in der Regel die beiden großen imaginierten Zielgruppen einerseits die Kinder aus der deutschen Mehrheitsgesellschaft, deren (Ur-)Großeltern „von nichts wussten“ oder andererseits die „Migranten- und Flüchtlingskindern“, denen man erklären muss, wie wir Deutschen das hier so machen mit unserer Vergangenheit. Wenn als Allheilmittel gegen Antisemitismus über Zwangsschulbesuche in KZ-Gedenkstätten gesprochen wird (oder noch schöner über „Zwangsbesuche im KZ“), dann denken die wenigsten darüber nach, was das emotional heißt für die Kinder. Oder auch, wie Menschen mit unterschiedlichen familiären und biografischen Erfahrungen auf das 0815-Programm reagieren, dass Lehrer_innen dort abziehen, häufig genug gegen den Willen der Gedenkstättenpädagog_innen, wenn diese überhaupt mitreden dürfen. Vergessen werden jüdische Kinder, Sinti- oder Roma-Kinder, Kinder, bei denen in der Familie der Holocaust keine entfernte Erzählung ist, sondern in denen möglicherweise Familienmitglieder ermordet wurden. Vergessen werden Kinder, die zwangsläufig schon erfahren mussten, was es heißt, wenn die Großmutter im Lager war oder die Eltern unter vererbten Traumata leiden. Und vergessen werden Kinder, die bereits selbst Ausgrenzung erfahren mussten.
Viel zu häufig habe ich von Jüdinnen_Juden gehört, wie unangenehm der Geschichtsunterricht für sie wurde, sobald es an die NS-Zeit ging. Sei es, weil sie genau wie alle anderen nach Hause geschickt wurden, um die Großeltern zu befragen, wo diese denn damals waren oder, weil sie extra die ganze Zeit in den Vordergrund gerückt wurden und alle darauf schauten, welche Emotionen sie denn jetzt wohl angesichts des mörderischen Antisemitismus zeigen würden, der doch eigentlich auch für sie bestimmt war. Als auf Twitter die Diskussion los ging um den „Weihnachtsfilm“, erklärte eine jüdische Journalistin, dass sie sich damals in der Schule nicht in „Als Hitler das rosa Kaninchen stahl“ wieder gefunden hat, sie habe nicht das Gefühl gehabt, dass sie adressiert wurde. Ich halte es für enorm wichtig, sich solche Erfahrungen vor Augen zu halten und mit zu denken, wenn man auch nur auf die Idee kommt, sich mit dem Bereich der Vermittlung der Shoah und des NS auseinander zu setzen. Was für mich prägend, beeindruckend war, ist es nicht unbedingt für andere, gleichzeitig kann ich mich selber nicht mehr daran erinnern, wie ich mit der Schule in der Gedenkstätte Dachau war, ich habe noch den Parkplatz und die Fahrt im Kopf, aber sonst alles verdrängt, warum auch immer. U.a. deshalb betone ich hier auch immer wieder, dass es sich um meine Erfahrung handelt, die nicht verallgemeinerbar ist.
Wir müssen uns bei der Vermittlung der NS-Verfolgungsgeschichte, wie generell eigentlich immer im Umgang mit Menschen, bewusst machen, dass die Lernenden nicht ungeprägte, leere Leinwände sind, sondern Erfahrungen, (Halb-)Wissen, Ressentiments, Erwartungen und unterschiedliche Persönlichkeiten mitbringen. Es fühlt sich albern an, das zu schreiben, aber oft genug wird Geschichtsvermittlung nun mal als „one size, fits all“ fantasiert. Wenn diese Vermittlung dann auch noch mal eben alles abdecken soll, was man so aus dem Holocaust lernen kann, dann braucht sich keiner wundern, wenn die Überforderung zu Abwehr führt. Und in der postnazistischen Gesellschaft sind nun mal auch die Erwachsenen keine moralisch überlegenen, allwissenden NS-Profis. Wie häufig jegliche Auseinandersetzung an Lehrkräften scheitert, die selbst zu sehr mit Schuldabwehr und Ressentiment beschäftigt sind, um die Unterstützung zu geben, die Lernende brauchen, kann man sich ausmalen.

Ido Abram benannte als pädagogische Prinzipien der Erziehung nach Auschwitz für Kinder und Jugendliche drei Stichworte: Wärme, Empathie und Autonomie. Zu fördern sind eine „Atmosphäre von Geborgenheit, Sicherheit und Offenheit“, die „Fähigkeit zum Nachdenken, zur Selbstbestimmung, zum Nonkonformismus“ sowie die „Empathie mit Tätern, Opfern und Zuschauern“. Empathie bezieht sich dabei auf ein kognitives Verständnis der Emotionen anderer, nicht eine emotionale Identifikation.
Ausgehend von dieser Grundlage, hat Noa Mkayton ein Konzept zur frühen Erstbegegnung mit der Shoah entwickelt. So schreibt sie:

„Lernziel ist an erster Stelle nicht die Vermittlung historischer Zusammenhänge und Abläufe, sondern der Aufbau einer Grundstruktur.“

Ganz im Sinne des pädagogischen Konzeptes Yad Vashems, liegen die weiteren Lernziele in der Vermittlung der Dimension des Holocaust, so sollen die Wirkungen bis heute begreifbar gemacht werden und die Vergangenheit mit der Gegenwart in Verbindung gesetzt werden, ohne den historischen Kontext und die Komplexität menschlichen Handelns aus den Augen zu verlieren. Voraussetzung dafür ist eine Lehrperson, die „über ausreichend Souveränität verfügen sollte, um tatsächlich autonome Schülerreaktionen zuzulassen bzw. herauszufordern“ und gleichzeitig dazu in der Lage sein muss, mit dem Vorwissen der Lernenden zurecht zu kommen und dieses einordnen und aufnehmen zu können – eine Aufgabe, die alles andere als leicht ist, bei einem Thema, dass „per se verletzende Dimensionen in sich birgt“.
Als Teil dieses Konzeptes schlägt Noa Mkayton Kriterien vor, die man bei der Auswahl von Materialien anwenden sollte: ausgehend von biografischen Narrationen eines Individuums geht man mit diesem gemeinsam den Weg, von vor dem Einsetzen der Verfolgung bis in das Leben nach dem Überleben. Dabei empfiehlt sich eine Protagonist_in im ähnlichen Alter, wie die Lernenden, in einer nicht komplett fremden Situation – erfordert doch die Lebensgeschichte eines erwachsenen religiös-orthodoxen Stetl-Juden eine andere Art von Vorwissen und Empathievermögen, als die eines säkular aufwachsenden Schulkindes.
Des Weiteren zeigt das Material die Handlungsspielräume und -optionen der unterschiedlichen Protagonist_innen auf, ohne schemenhafte Monster- oder Heiligenfiguren zu schaffen:

„Geschichte wird erst dann als komplexes Geflecht menschlicher Handlungsweisen erkennbar, wenn die Menschen selbst in ihren Entscheidungen und Unterlassungen, in ihren Schwächen und in ihrem Mut, also in der Ambivalenz menschlichen Verhaltens wahrgenommen werden können.“

Explizit benennt sie außerdem die notwendigen positiven Aspekte der Narration: Familienzusammenhalt, Solidarität, das Überleben der Protagonist_in. Der eigentliche Genozid wird nicht direkt thematisiert, aber:

„Dabei geht es nicht um die künstliche Herstellung einer „Lightversion“ des Holocaust, sondern um das bewusste Aussparen von Lerninhalten mit traumatisierendem Potential, ohne jedoch auf eine klare und eindringliche Beschreibung der Verluste, die Menschen zugefügt wurden, zu verzichten.“

Meine Schwester mit Als Hitler das rosa Kaninchen stahlAls Hitler das rosa Kaninchen stahl
Warum dieser Exkurs in die Theorie? Während meiner Zeit in Yad Vashem sprach ich Noa, nach einem ihrer Vorträge über dieses Konzept vor einer Reihe von Lehrer_innen, auch auf „Als Hitler das rosa Kaninchen stahl“ an. Ich weiß nicht mehr konkret, was die Antwort war, aber ich reime mir in etwa zusammen, dass der Kritikpunkt war, dass man in deutschen Schulen das Buch als Autobiografie las und darüber vergesse, dass es ein Roman ist und somit andere Maßstäbe und Ansätze gewählt werden müssen. Die Bücher und Materialien, die bspw. Yad Vashem aufbereitet hat, erzählen Geschichten zwar auch aus der subjektiven Erinnerung der Überlebenden, aber zeugen damit eben von der Konstruktion des menschlichen Gedächtnisses und der damit verbundenen Geschichtserzählung und nicht von bewusst erfundenen Details.
Nicola Otten schreibt in ihrer Dissertation über die autobiographischen Schriften der Familie Kerrs:

„Die Neugestaltung der eigenen Vergangenheit hat für Judith Kerr eine befreiende Funktion, im Prozess der Niederschrift wird sie zur Autorin ihres Lebens. (…) Die Fantasie wirkt hier kompensatorisch: Die reale Welt wird durch eine gewünschte ersetzt, die sinnhaft und kohärent ist.“ (S. 121).

So verändert sie zeitliche Reihenfolgen oder lässt Kontextwissen weg, weil das erinnerte Kind davon nichts wusste.
Ich möchte auf dieser Grundlage hier also explizit nicht dafür werben, das Buch und den Film im Schulunterricht einzusetzen. Für den Regelschulbetrieb gibt es von Gedenkstätten wie Yad Vashem oder etwa dem Anne Frank Zentrum Berlin sehr passendes Material, das pädagogisch hervorragend aufgearbeitet ist. Lehrer_innen, mit besonderem Interesse, finden außerdem garantiert gute Unterstützung bei den zahlreichen engagierten Gedenkstättenpädagog_innen, die ein Ausmaß an Wissen und Erfahrung haben, das viel zu selten genutzt und anerkannt wird.
Trotzdem sehe ich einige der oben benannten Elemente auch in Judith Kerrs Werk und fühle mich ihr und dem Buch bis heute sehr verbunden und möchte ein wenig beleuchten, warum.

Zur Entstehung von „Als Hitler das rosa Kaninchen stahl“ erzählte Judith Kerr die Geschichte, dass ihr Sohn so glücklich war, nachdem er den Film „Sound of Music“ gesehen hatte, weil er nun wüsste, wie die Kindheit seiner Mutter ausgesehen habe. Dies nahm Kerr zum Anlass, selbst die Geschichte ihre Kindheit aufzuschreiben – als Geschichte für ihre Kinder. Diese angedachte Zielgruppe halte ich für den gleichzeitig großen Vor- und Nachteil, so ist die Erzählung dadurch vermutlich noch persönlicher und an einigen Stellen ehrlicher geworden, aber eben auch auf eine andere Art gefiltert um die eigenen Kinder vor Leid und das Andenken der Eltern zu schützen. So oder so, ist es ein Faktor, der bei der Bewertung von Veränderungen, Entschärfungen oder Beschönigungen mit gedacht werden muss.
Anna, wie Kerr ihre an sich selbst angelehnte Protagonistin nennt, hat mich als Kind sehr beeindruckt. So „banale“ Fragen, wie die Auswahl des Spielzeugs für die Flucht, während man beim Rest davon ausgeht, es schon bald wiederzusehen, Formulierungen wie „es kam ihr schön und abenteuerlich vor, ein Flüchtling zu sein“, die Freude, aufgrund der „schweren Kindheit“ nun doch berühmt werden zu können – sie sind so „falsch“, dass sie genau richtig sind. Kein hochtrabendes moralisches Zeigefingerheben, sondern die geheimen, ehrlichen Gedanken eines Kindes.
Die Familie verlässt Deutschland bereits vor der Wahl 1933, als Hauptgrund für die Flucht der Familie wird immer wieder die politische Arbeit des Vaters genannt. Besonders spannend finde ich in diesem Zusammenhang den Blick auf die Polizeistrukturen, bereits zu dieser Zeit. Die Mutter erklärt den Kindern, dass der Vater überstürzt über Nacht nach Prag geflohen ist, da sie vermuteten, dass ihm der Pass abgenommen werden soll, es folgt dieser Dialog, in meiner Ausgabe auf S. 19:

„“Wer könnte ihm denn seinen Pass wegnehmen?“
„Die Polizei. In der Polizei gibt es ziemlich viele Nazis.“
„Und wer hat ihn angerufen und ihn gewarnt?“
Mama lächelte zum ersten Mal.
„Auch ein Polizist. Einer, den Papa nie getroffen hat; einer, der seine Bücher gelesen hat und dem sie gefallen haben.“"

Vor allem aber zeigt sich hier bereits zu Beginn des Buches, dass das gesamte System auf Entscheidungen beruht.
Auch wenn die klare, politische Opposition zu den Nazis immer wieder betont wird, spielt auch Antisemitismus eine relevante Rolle. Die antisemitischen Situationen, die Kerr beschreibt, waren für mich als Kind einprägsam, insbesondere die deutschen Feriengäste in der Schweiz, die nicht mit Anna und Max spielen dürfen, weil diese Jüdinnen_Juden sind, weshalb sich die schweizerischen Freund_innen entscheiden müssen (Eine Wahl, die für Anna und Max ausfällt, also anders als die historische schweizerische Wahl…). Den Kindern wird zum ersten Mal so richtig vor Augen geführt, dass sie, im Gegensatz zu den Nazi-Kindern, nicht so schnell nach Hause zurück können. Auch die Situation, als der Vater den Kindern angesichts der politischen Lage erklärt, dass sie Juden sind und was es bedeutet in einer antisemitischen Gesellschaft Jude zu sein, schafft einen Lernmoment, den Anna, Max und (nicht-jüdische) Lesenden teilen können. Natürlich bekommt man keine komplexe Analyse der Ideologie des Antisemitismus, aber wie Othering funktioniert und wie Anna ihre Rolle als Jüdin unfreiwillig aufgedrängt wird, zeigt einen Aspekt des Antisemitismus, der eine Grundlage für ein weitergehendes Verständnis schaffen kann – dass gleichaltrige jüdische Kinder heutzutage einen solchen Lernmoment schlimmstenfalls bereits selber erleben mussten, verstand ich damals noch nicht.
Der nationalsozialistische Staat, der staatliche Antisemitismus und seine Folgen werden in Gesprächen unter den Erwachsenen angerissen, für die Lesenden aber gefiltert durch Annas kindliche Sicht, die nur einen Teil des Gesprochenen einordnen kann. So wird etwa darüber gesprochen, dass die Bücher des Vaters verbrannt wurden und Anna erfährt aus einem belauschten Gespräch ihrer Mutter von der Folter eines jüdischen Professors in einem Konzentrationslager, was ihr körperliches Unwohlsein bereitet – eine Reaktion, die man vielleicht ebenso empfindet und die so normalisiert wird. Anna ist genauso überfordert, wie viele Kinder es wohl sind, wenn sie das erste Mal mit dem Grauen der Shoah konfrontiert werden. Eine Perspektive, die ich viel besser verarbeiten konnte als etwa die in Robert Benignis „Das Leben ist schön“, die andere popkulturelle Erstbegegnung mit den Lagern an die ich mich erinnere und die mich verstört zurück ließ.
Die Geschichte des Familienfreundes Julius schließlich steht im Roman symbolisch für viele in Deutschland zurückgebliebene Jüdinnen_Juden, die lange noch den Glauben an Besserung hatten. Julius hatte eine jüdische Großmutter und war deshalb aus dem Zoo ausgeschlossen worden, der Kummer darüber trieb ihn in den Suizid. Der Tod wird nicht ausgespart und wie Nicole Otten schreibt, die Nachricht darüber für den erzählerischen Bogen sogar zeitlich verschoben:

„Diese Tatsache zeigt die literarische Stilisierung, aber auch das Bemühen der Autorin, Ereignisse von historischer Relevanz für die Entwicklung in Deutschland einzuarbeiten.“ (S. 153).

Ich entdeckte die Fortsetzungen des Romans erst 2013 als (naja so halbe) Erwachsene, durch Zufall im Buchladen, eine Jubiläumsausgabe der gesamten Trilogie zu Judith Kerrs Geburtstag und hatte somit eine andere Leseerfahrung bei diesen beiden Teilen. Tatsächlich sind diese auch nochmal expliziter, die Protagonistin ist älter und bekommt die Geschehnisse in „Warten bis der Frieden kommt“, die Bombardierungen Londons, nochmal auf eine andere Weise mit. Die Familie wohnt in einem Hotel voller Geflüchteter, der Bruder Max und ein Onkel werden als „feindliche Ausländer“ interniert und alle kämpfen mit ihrer Identität zwischen dem Wunsch nach Zugehörigkeit und den teils misstrauischen Ablehnungen. Gezeigt werden die Folgen des Exils in unterschiedlichsten Facetten, die das als „happy“ interpretierbare Ende des ersten Teils in Frage stellen. Der Kriegsverlauf wird personalisiert, unter den Geflüchteten, die im selben Haus wohnen, ist immer auch jemand aus einem der neu besetzten Länder.
In „Eine Art Familientreffen“ ist Anna dann schließlich erwachsen, die Nachkriegsgeschichte wird thematisiert und so las ich zum ersten Mal in einem Roman über die Gefühlswelt einer Exilantin, die nach Deutschland zurückkehrt. Kalter Krieg, der Ungarnaufstand und die Suez-Krise geben einen politischen Rahmen für Annas eigene Zerissenheit, der neue Erzählstil mit Rückblenden einen sprachlichen. Die in den vorigen Büchern (relativ) heile Familienwelt bleibt endgültig in diesen zurück. Ein Suizidversuch der Mutter ist Anlass für Annas Rückkehr nach Deutschland und, da auch der Vater sich für den Freitod entschieden hatte, wird der endgültige Verlust einer Kindheit mit der gleichzeitigen Rückkehr an den Ort, an dem die Erzählung begann, verknüpft. Dass diese Fortsetzungen so viel weniger bekannt sind als das Rosa Kaninchen ist wohl symptomatisch, ist es doch genau dieses Weiterleben, was zumeist vergessen wird, wenn man über die Opfer des NS spricht.

Der Film
Ich ging nun also dank der „Weihnachtsfilm“-Werbung mit genau gar keiner Erwartung in den Film, am ehesten habe ich ein Fiasko erwartet, Romanverfilmungen haben immer das Potential dazu. Dennoch oder vielleicht auch gerade deswegen kam ich erleichtert aus dem Kino. Ich gebe nun auch nur diesen relativ erleichterten, ersten Eindruck, nach einmal Sehen und ein paar Mal darüber schlafen, wieder.
Die Schauspielerin, Riva Krymalowski, stellt Anna auf eine absolut berührende Art und Weise dar, was ich für das Alter insbesondere bemerkenswert finde und was wohl einer der entscheidendsten Faktoren für einen solchen Film ist. Ebenso großartig ist die Besetzung von Marinus Hohmann (Max, Annas Bruder), Oliver Masucci (Vater Arthur Kemper) und Justus von Dohányi (Onkel Julius), die für mich alle die Essenz ihrer Charaktere auf die Leinwand tragen. Nur die Darstellerin der Mutter, Carla Juri, machte mich ehrlich gesagt anfangs ein bisschen fertig mit ihrer Art zu Sprechen, wobei sich das im Laufe des Filmes besserte. Vielleicht sollte es also ein Stilmittel sein, um ihren persönlichen Wandel darzustellen, mich hat es eher gestört. Generell erhält sie wenig Screentime, die Belastung, die die Flucht für die Beziehung der Eltern darstellt, wird nicht in der selben Intensität wie im Buch gezeigt. So entfallen Szenen, in denen die überforderte Mutter auch noch dagegen kämpfen muss, dass der Vater das wenige Geld für unnütze Dinge ausgibt, während er gleichzeitig dagegen ankämpft Wohltätigkeit, bspw. von ihren Verwandten anzunehmen. Hier enthält der Ursprungsroman auch eine Dimension zu Geschlechterrollen im Kontext von Flucht, während sich der Film mehr auf die Figur des Vaters konzentriert und die Rolle der Mutter in ihrer Komplexität reduziert wird.
Anders als befürchtet, unterschlägt der Film die Thematisierung des Jüdischseins der Familie nicht. So kommt eine ganze Szene in einer Pariser Synagoge hinzu, in der der Vater seine sich wandelnde Beziehung zum Judentum angesichts des grassierenden Antisemitismus thematisiert. Der Ort mag etwas offensichtlich in der Wahl sein, aber die Spannung zwischen dem Vater und einem Regisseur, den er noch in Berlin in einer Theaterkritik zerrissen hatte, als man sich plötzlich – im gemeinsamen Schicksal vereint – wieder trifft, macht sie wohl zu einer der gelungensten Szenen des ganzen Filmes. Vermisst habe ich dagegen teilweise die kindlich-naive Sicht, wie etwa die Diskussion zwischen Anna und ihre beste Freundin in Berlin darüber, was Antisemitismus ist und was es bedeutet, dass Anna Jüdin ist. Auch wird die Person der österreichischen Grete, die im Buch der Mutter in Paris zur Hand geht, im Film zu einer überzeugten Antisemitin, die nichts mit der Familie zu tun haben will, eine Änderung, die ich noch nicht richtig einordnen kann. Sie ist neben der ehemaligen Haushälterin Heimpi und der Nachbarin Fräulein Lambeck eine der wenigen „Volksdeutschen“, die man trifft und während Heimpi politisch unscheinbar bleibt, wie auch im Buch, ändert sich auch Fräulein Lambecks Rolle. Im Buch bezeichnet sie sich als „Verehrerin“ des Vaters und scheint von seiner Berühmtheit beeindruckt, im Film wirkt sie eher wie eine Denunziantin, die wohl am liebsten sofort mit jeglichem Wissen über die Familie zur Polizei rennen würde. Ich vermute, dass hier die Intention eines Bildungsfilms durchkommt, der die 1933 herrschende Stimmung in einer möglichst großen Vielfalt wiedergeben will, neben den Hitlerjungen, mit denen sich Max prügelt, die die einzigen Nazis sind, die man tatsächlich sieht.

Was für mich glaube ich relativ entscheidend und die größte Erleichterung war: die Buchvorlage wurde nicht als Scherenschnitt genommen, um eine enthistorisierte, beliebige Fluchtgeschichte zu spinnen, wie ich es erwartet hätte.
Nachdem ich im letzten Jahr direkt nach dem Lesen des Romans die moderne Verfilmung (2018) zu Anna Seghers Transit gesehen habe, war ich ehrlich angepisst. Eine der wichtigsten Figuren im Roman – ein organisierter Kommunist und eine der prägenden Personen für den Protagonist – wird zu Beginn, ohne ein gesprochenes Wort von ihm, umgebracht. So wird direkt auf eine Art entpolitisiert, die gerade einer Anna Seghers Verfilmung nicht würdig ist. Gleichzeitig riss man im Film die komplette Storyline aus der Zeit, irgendwie ist es modern und gleichzeitig nicht und man weiß nicht so ganz genau wer eigentlich die Verfolger sind, aber Hauptsache noch eine „aktuelle“ Flüchtlingsfamilie gezeigt.
Ich verstehe natürlich den Ansatz. Die Empathielosigkeit gegenüber Menschen, die fliehen müssen und versuchen nach Europa zu kommen, um dann hier im Mittelmeer vor den Augen der kriminalisierten Seenotrettung zu ertrinken oder von Nazis durch die Straßen gejagt zu werden, ist hoffnungsraubend. Aber es trägt auch nicht zu einer Lösung bei, wenn kunstvolle Filme für ein Berlinalepublikum gedreht werden, die dafür aus einem Kontext gerissen werden, der selbst immer weiter in Vergessenheit gerät oder schlimmer: in die Vergessenheit gedrängt wird.
Es ist übrigens in beide Richtungen fragwürdig, auch die Menschen, die zur Zeit auf der Flucht sind oder waren, haben eigene Geschichten zu erzählen. Auch heute gibt es, Überraschung, Fluchtkontexte und -ursachen. Ebenfalls letztes Jahr habe ich beispielsweise den Film „Midnight Traveler“ gesehen, ein Film von der Familie Fazili-Hussaini, die aus Afghanistan flüchten mussten und – als Filmemacher_innen – ihre Flucht mit Handykameras filmen. Nicht nur lernt man im Film die Familie als Individuen kennen, er ist auch politisch. Gegen Vater Hassan Fazili wurde eine Fatwa ausgesprochen, die Mutter Fatima Hussaini war als Frau, die Filme macht, von ihrer eigenen Familie, ihren Brüdern, bedroht worden. Und auf der Flucht diskutieren irgendwann die Eltern mit der elfjährigen Tochter, ob diese einmal Kopftuch tragen müsse oder wolle – und sie entscheidet sich dagegen und wird unterstützt. Hier findet sich also politisch ein viel relevanteres Werk, dass sich konkret mit den Wegen von Geflüchteten durch das heutige Europa beschäftigt und somit auch aufklärt. Es erregt nicht einfach Mitleid mit einer unkonkreten, eindimensionalen Figur, sondern gibt vier der tatsächlich heute in Deutschland Angekommenen ein Gesicht.

Ja, ich denke ich kann also Interessierten „Als Hitler das rosa Kaninchen stahl“ ans Herz legen und empfehle, sich davor oder direkt danach in das Buch und insbesondere die Fortsetzungen einzulesen. Auch vierzig Jahre nach Veröffentlichung ist das Buch ein gutes Kinderbuch. Was entscheidend ist, ist eben nicht zu erwarten, dass man sich mit einem Buch oder Film ausreichend mit dem Nationalsozialismus beschäftigen kann und hinterher weiß was Sache war, dass man nicht jedes Kind mit „Als Hitler das rosa Kaninchen stahl“ und vielleicht noch dem „Tagebuch der Anne Frank“ gegen Antisemitismus und Geschichtsrevisionismus weihen kann. Ein Film ersetzt niemals die enorme pädagogische Arbeit, die es braucht, um den Holocaust für Lernende begreifbar zu machen.
Und ich empfehle, sich genau deshalb auch mit der realen Geschichte Judith Kerrs und ihrer Familie zu beschäftigen, weil sie eben für sich wertvoll genug ist. Jedes einzelne Schicksal, jede einzelne Person gehört gelesen und gesehen und gehört und als Mensch wahrgenommen. Eine Biografie steht niemals für die Gesamtheit der (jüdischen) Verfolgten. Sie zeigt uns nur einen winzigen Ausschnitt derer, die gedemütigt, vertrieben, ermordet wurden, denen die Nazis ihre Identität bis ins letzte zerstören wollten – und gibt ihnen vielleicht ein Stück zurück.
Es ist jedenfalls den Versuch wert.


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