Archiv für Januar 2016

#EineArmlänge – Eine Presseschau

Was mit zahlreichen Übergriffen auf Frauen an Silvester in Köln begonnen hatte, schaukelte sich schnell zu einer grundsätzlicheren Debatte um den Umgang mit sexualisierten Angriffen hoch. Die Kölner Oberbürgermeisterin Henriette Reker empfahl in einer Pressekonferenz auf Nachfrage und sichtlich überfordert, dass es für Frauen eine Möglichkeit wäre „eine gewisse Distanz zu halten, die mehr als eine Armlänge betrifft“.
Der Absurdität dieser Aussage angemessen entwickelte sich auf Twitter schnell der Hashtag #EineArmlänge unter dem zahlreiche Frauen ihrer Wut Luft machten, dass in der gesellschaftlichen Debatte in der Regel erwartet wird, dass sie sich vor Übergriffen schützen, nicht dass Täter nicht übergriffig werden. Dabei stehen Reker und ihre vorgeschlagenen Maßnahmen (u.a. z.B. auch, dass Frauen sich nur in Gruppen bewegen sollen) nur symptomatisch für ein Phänomen unserer Gesellschaft, das sich unter dem Begriff „victim blaming“ fassen lässt. Die Schuld wird bei den Opfern gesucht, eine Frau ist selber schuld, sei es nun, weil ihr Rock zu kurz und damit zu einladend war, weil sie doch schon mit dem Täter geflirtet hatte oder eben, weil sie nicht gut genug auf die Armlänge Abstand geachtet hatte. Dass die meisten sexuellen Übergriffe in Beziehungen passieren, wird bei solchen Argumentationsmustern zusätzlich unterschlagen.
Spätestens seit #Aufschrei sind trendende Twitter-Hashtags auch relevant genug für Medien außerhalb des Netzwerks und mittlerweile kann man online in fast jeder Zeitung über #EineArmlänge lesen. Ein bisschen was zum Hintergrund und der ausschlaggebenden Pressekonferenz, dann wird, damit auch Nicht-Twitterer mitkriegen was da passiert, das ganze noch mit unterschiedlichen Tweets illustriert und fertig ist der Artikel. Traurigerweise scheint dabei den meisten Journalist*innen nicht aufzufallen, wie sehr sie die Strukturen, die auch mit #EineArmlänge kritisiert werden, wieder reproduzieren.

Einige Beispiele für die Frauenquote* bei den ausgesuchten Tweets in ein paar willkürlich herausgepickten Artikeln:
Bento: 8 von 18
Spiegel Online: 2 von 5
Hamburger MoPo: 2 von 8
Berliner Zeitung: 2 von 9
Berliner Kurier: 2 von 12
Zeit: 0 von 2
Die Welt: 0 von 5

Wie man auf die Idee kommt, dass es ausgerechnet beim Thema sexuelle Übergriffe sinnvoll ist, die Meinung von Männern zu präsentieren, ist mir schleierhaft. So sollte man doch meinen, dass gerade die mehrheitlich Betroffenen von sexueller Gewalt im Internet und auf Twitter im Zusammenhang mit einem Hashtag die Chance hätten gehört zu werden. Leider zeigen sich hier die patriarchalen Strukturen unserer Gesellschaft mehr als deutlich – und als Aushängeschilder für einen Hashtag werden Menschen gewählt, die in der Regel nicht selbst von dem angekreideten Problem betroffen sind.
Eine besondere Erwähnung hat sich übrigens der Stern verdient: in ihrem Artikel zu #EineArmlänge zitieren sie nicht nur bei 11 Tweets keine einzige Frau, was ja an sich bei diesem Hashtag eine Leistung ist – der Artikel liest sich auch noch so, als würde der Hashtag auf Jan Böhmermann zurückgehen. Dass #EineArmlänge bereits eineinhalb Stunden prima ohne Böhmermann lief, bevor der sich einschaltete, getragen von einer ganzen Menge Frauen, scheint da wohl irrelevant zu sein. Ausgerechnet Böhmermann als feministischen Kämpfer zu präsentieren, ist nach zahlreichen sexistischen Ausfällen von seiner Seite (einige Beispiele sind hier mit aufgeführt) besonders widerlich.

Nun werden mir natürlich alle erklären wollen, dass Tweets für Artikel natürlich nach Reichweite und Popularität ausgewählt werden. Das mag einen Heiko Maas Tweet, einen Sascha Lobo Tweet erklären, ja. Eine ausreichende Begründung für Zahlen wie 0 von 11 ist das aber wohl definitiv nicht. Damit ihr, liebe Journalist*innen, die ihr noch über den Hashtag schreiben wollt, euch nicht mal die Mühe machen müsst, habe ich selber ein paar Tweets gesammelt, die sich hervorragend eignen sollten, dabei habe ich verschiedene Kriterien mit einfließen lassen, z.B. haben die meisten dieser Nutzerinnen über 2500 Follower oder Tweets mit mehr als 100 Retweets und/oder Favs:

Es gibt also keine Ausreden.

Und liebe feministischen Männer, die ihr da diesen Hashtag mitgefüllt habt, vielleicht lasst ihr euch das hier ja nochmal durch den Kopf gehen:

*Meine Rechnung ist natürlich schwierig, weil ich bei Nutzern, die ich nicht aufgrund ihres Namens oder Fotos innerhalb des binären Geschlechtersystems als „Frau“ zuordnen konnte, nicht mitgezählt habe. Da jedoch die Journalist*innen wohl ebenso maximal dieses Wissen haben dürften, spielt das für meine Kritik keine weitere Rolle.