Archiv für November 2014

9. November – Die Unfreiheit der Anderen.

Der 9. November 1938 gilt allgemein als ein Wendepunkt.
Wurden Jüdinnen und Juden bereits seit Jahren diskriminiert (z.B. wurden die Nürnberger Rassengesetze 1935 beschlossen, in den Köpfen herrschte der Judenhass schon seit ca dem 4. Jahrhundert, als moderner Antisemitismus ab ca. 1870), so waren die Pogrome in diesem November der Auftakt für die weitere systematische Verfolgung von Jüdinnen und Juden, bis hin zum industriellen Massenmord, der Shoah.
Dieser 9. November ist nun 76 Jahre her. Geblieben ist der Antisemitismus. Nicht nur in Deutschland, in ganz Europa zeigte dieser Antisemitismus diesen Sommer seine hässliche Fratze so deutlich wie lange nicht mehr. Am 14. September traf sich alles, was in der Politik Rang und Namen hat vor dem Brandenburger Tor um gegen diesen „Judenhass“ aufzustehen, besonders angesichts der Vergangenheit.
Heute versammelten sich wieder Menschenmassen vor dem Brandenburger Tor. Jedoch nicht um ein Zeichen zu setzen, dass man den 9. November als Anlass nehmen sollte jeden Tag weiter gegen Antisemitismus zu kämpfen, nein. Es wird gefeiert! Schließlich fand vor 25 Jahren doch ein viel angenehmeres, bequemeres geschichtliches Ereignis statt. Der Fall der Mauer ist Anlass für Tausende von Menschen auf die Straße zu gehen, die leuchtenden Luftballons zu bestaunen und sich so schön einig und frei zu fühlen.
Während also hier auf den Straßen die Freiheit einiger gefeiert wird, wird die Unfreiheit der Anderen bequemerweise ignoriert. Kanzlerin Merkel spricht absurderweise von der „Kraft zu gestalten“, „wir“ könnten „die Dinge zum Guten wenden“. Dabei sieht sie in die Ukraine, den Nahen Osten – aber bloß nicht ins eigene Land, oder an die EU-Grenzen. Scheinbar reicht das Mitgefühl eben doch nur für deutsche Flüchtlinge.
Aber was erwartet man von einer Politikerin, deren Partei im Land Thüringen gemeinsam mit einem Haufen Nazis am 9. November die Domstufen in Erfurt in ein „Lichtermeer“ verwandelte? Genau. Kein besonders ausgeprägtes Geschichtsverständnis.
Natürlich ist es einfacher sich am 9. November dem eigenen Patriotismus hinzugeben und bei einem schönen „Bürgerfest“ oder einem „Lichtermeer“ den eigenen Staat zu feiern. Und wer will denn an andere denken – schließlich sind „wir“ das Volk.
Es bleibt wohl dabei, scheinbar treibt auch weiterhin nichts so viele Deutsche auf die Straße wie ihr ‚Vaterland‘ – egal ob ’38, ’89 oder ’14.