Solidarität für alle außer Jüdinnen und Juden

Solidarität für alle außer Jüdinnen und Juden – Distanzierung vom Beschluss des Landesvorstands der Grünen Jugend Berlin zum Al Quds Tag Gegenbündnis

Gestern kam mein Antrag auf Unterstützung des antifaschistischen Aktionsbündnisses gegen den Al Quds Tag in Berlin auf der Landesvorstandssitzung der Grünen Jugend Berlin nicht durch.
Mit diesem Blogeintrag möchte ich mich als Mitglied des Landesvorstand und politische Geschäftsführerin der Grünen Jugend Berlin von dieser Entscheidung distanzieren und meine Unterstützung für die Arbeit und die Ziele des Bündnisses erklären.

Worum geht es überhaupt?
Am 26. Juli werden wieder mehrere hundert Antisemit*innen durch Berlin ziehen und so gut wie niemanden interessiert es.
Die Gegendemos sind im Vergleich mit Anti-Nazi-Demos spärlich besucht und auch sonst ist die geringe Menge an Aufmerksamkeit die diesem Aufmarsch zu Teil wird sehr peinlich.
Der Antisemitismus in ganz Europa nimmt immer weiter zu, so etwas wie das Attentat in Brüssel ist das tödliche Ergebnis. Und am Al Quds Tag nutzen Islamist*innen und Nazis jetzt die Chance um dieses Gedankengut noch weiter zu befeuern.

Eigentlich sollte es doch eine Selbstverständlichkeit sein, dass man sich diesem Marsch entgegenstellt.
Und dann kommen wir als Grüne Jugend Berlin, bezeichnen uns selbst als antifaschistisch und schaffen es nicht mal den simpelsten Teil antifaschistischer Arbeit zu leisten – uns gemeinsam mit Verbündeten gegen widerliche antisemitische Positionen zu stellen.
Das ist peinlich und damit wird jedes Bekenntnis gegen Antisemitismus zur Heuchelei.
Man kann nicht behaupten Antisemitismus zu bekämpfen und sich dann gegen so ein Bündnis stellen.

Bei jedem Naziaufmarsch wird zu Protesten aufgerufen – auch mit höchst fragwürdigen Gruppen, aber das ist egal, schließlich geht es um die Sache, man hat eine gemeinsame Schnittmenge, den Kampf gegen faschistoides Gedankengut. Im Fall vom Al Quds Tag ist das wohl zu viel verlangt.
Wir verweigern lieber die Solidarität nicht nur mit Jüdinnen und Juden sondern auch mit Homosexuellen und Trans*-Menschen, denn auch diese sind Opfer der beim Al Quds Tag propagierten Hetze.
Man muss ja schließlich schauen, mit wem man in einem Bündnis ist, ein minimal Konsens wie bei jeder anderen Demo ist wohl zu viel verlangt.

Auch die Argumentationslinie, dass ja nicht alle beim Al Quds Tag antisemitisch sind, erscheint absurd, wenn man sich überlegt, wir uns da sonst positionieren.
„In Dresden trauern ja auch wirklich Leute!“ – „Beim ‚Marsch für das Leben‘ wollen manche wirklich nur disabled persons schützen!“
Das sind Scheinargumente um eine Bewegung zu verharmlosen, die nichts harmloses an sich hat – und gerade wenn noch vernünftige Menschen dort mitlaufen, muss man ihnen mit einem klaren Entgegentreten aufzeigen, was der Rest der Leute dort denkt.
Und jede*r, der*die dann immer noch mitläuft, stellt sich auch hinter die antisemitischen Forderungen und muss sich dafür verantworten.

Das sich in der Abstimmung bei uns im Landesvorstand die Mehrheit enthalten hat, ist symptomatisch für die Antisemitismus-Debatte in der Grünen Jugend.
‚Bloß nicht bei so etwas kontroversen positionieren und damit Leute abschrecken‘ scheint die Devise zu sein. Aber genau das tut man.
Ich kenne mehrere Menschen, die sich aufgrund dieser Nicht-Positionierungen aus der Grünen Jugend zurückgezogen haben und ich kann das mehr als nachvollziehen.

Man ist nicht einfach neutral, wenn man die Antisemit*innen durch Berlin ziehen lässt ohne sich ihnen entgegenzustellen – man bezieht deutlich Position. Und zwar dahingehend, dass Antisemitismus nicht wichtig genug ist, um dafür den eigenen Kopf hinzuhalten.

Weil nur darum geht es – Antisemitismus.
Es geht nicht darum sich irgendwie zum Nahost-Konflikt zu positionieren. Es geht auch nicht darum in irgendeiner Weise allen Muslim*innen Antisemitismus zu unterstellen oder Rassismus zu verharmlosen.
Es geht darum sich menschenverachtendem Gedankengut entgegenzustellen. Antisemitismus genauso wie Rassismus.
Und solange das kein Konsens in der Grünen Jugend ist distanziere ich mich klar: Das ist nicht meine Grüne Jugend.

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Weiterführende Lesetipps zum Al Quds Tag und zu Antisemitismus:
„Als GRÜNE JUGEND stellen wir uns gegen Antisemitismus jeder Art.“
- Die Pressemitteilung des Bundesverbands der Grünen Jugend zum Al Quds Tag 2013.

„Von der Polizei verbotene Parolen wie »Israel – Kindermörder« wurden in »Zionisten – Kindermörder« umgewandelt. “
- Die Jüdische Allgemeine zum Al Quds Tag im letzten Jahr.

„Die Herren der Zinsen“
- Die Jungle World mit einem ausführlichen Artikel zu Antisemitismus in Europa.

„Trotz­dem will im Jahr 2014 kaum je­mand etwas von An­ti­se­mi­tis­mus wis­sen, so wie man von ihm auch 1945 nichts ge­wusst haben will. Nur die we­nigs­tens möch­ten über ihn spre­chen, noch we­ni­ger sehen ihn als aku­tes Pro­blem an. Denn bei ge­naue­rer Be­trach­tung, müss­te man sich ja eing­ste­hen, dass man ge­ge­ben­falls selbst ein Teil die­ses Pro­blems ist.“
- @GoldsteinChucky über die Verweigerung Antisemitismus als Problem anzuerkennen.

Nachtrag:
„In aktuellen öffentlichen Debatten legten die Wissenschaftler dar, werde nicht der Antisemitismus, sondern der Antisemitismus-Vorwurf skandalisiert. Dabei sei der Vorwurf des Kritik-Tabus längst widerlegt. Kaum ein Land wird in Deutschland heftiger und unverblümter kritisiert als Israel.“
Ein Artikel im Deutschlandfunk, zu intellektuellem und linkem Antisemitismus.


5 Antworten auf „Solidarität für alle außer Jüdinnen und Juden“


  1. 1 Peter Zangerl 24. Juni 2014 um 21:47 Uhr

    „Das ist nicht meine Grüne Jugend“ …da täuscht Du Dich aber, liebe Dora. Ansonsten hättest Du schon längst gemerkt, wie faschistoid deren Ideen auch in anderen Bereichen sind. Die Welle, Dora. Und Du mittendrin. Bedauerlich.

  2. 2 Golaf 25. Juni 2014 um 9:49 Uhr

    Kurzer Hinweis zum Gendern innerhalb des Artikels.
    Bitte verwenden sie doch nur den Begriff Juden. Das genauere Unterteilen ist von daher problematisch, da diese Form des Genderns bereits durch die Nazis eingeführt wurde, um damit wirklich alle Juden zu erfassen.

  3. 3 Mesrine 25. Juni 2014 um 11:41 Uhr

    Vielen, vielen Dank für diese klaren, erschütternden und berührenden Worte.

    Dem ist nichts hinzuzufügen, nur verinnerlichen sollte man und NACHDENKEN….

  4. 4 m 01. Juli 2014 um 21:46 Uhr

    Wahre Worte, Peter. Die Grünen und vor allem die grüne Jugend sind auf einem dunklen, totalitären Pfad. Wollte ich dort eintreten, könnte ich nicht mal einmal mein Geschlecht angeben, wo doch so viel Toleranz für alles und jeden gefordert wird. Aber wehe du hast einen Penis dann: WEICHE, TEUFEL!!!

    Hatten wir alles schon. Bestimmte Geburtsmerkmale dämonisiert, unerwünscht. Geht niemals gut aus.

  5. 5 b 18. Oktober 2014 um 14:29 Uhr

    wie wäre es denn mal gegen die dogmatischen verhaltensstützen, auch religionen genannt vorgegangen wird. Die meisten konflikte liegen in den unterschiedlichen relgionen und die bringen die menschheit ja nun eindeutig nicht weiter…

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