Archiv für Juli 2013

„Wie ist das denn so, haben die da alle so Locken?“

„Bist du selber jüdisch?“
„Wie ist das denn so, haben die da alle so Locken?“
„Tragen die da auch diese.. Käppchen?“

Das dürften die Fragen sein, die ich am häufigsten beantworte, wenn ich jemandem erzählt habe, dass ich mein freiwilliges soziales Jahr in einer jüdischen Kita mache. Ich mache auch niemandem einen Vorwurf, der mich das fragt, ich würde die selben Fragen stellen. Ich hab mich am Anfang ja auch selber gefragt, was denn eine jüdische Kita bitte auszeichnet und hab im letzten dreiviertel Jahr einen unglaublichen Einblick bekommen.

Trotzdem ist es irgendwie immer wieder erstaunlich, wie wenig die meisten Menschen über das Judentum wissen, und ja, besonders dafür, dass wir in Deutschland leben.
Okay, sind wir mal realistisch, wenn man sich die Fakten anschaut, es gibt vielleicht 250 000 Jüdinnen und Juden in Deutschland, eine verschwindend geringe Zahl im Vergleich z.B. zu 1,8 Millionen Muslimas und Muslime. Selbst weltweit ist das Judentum die kleinste der fünf Weltreligionen. Und dennoch. Irgendwie ist es dafür doch überdurchschnittlich präsent.
Ich meine das jetzt nicht auf so eine verquere, verschwörungstheoretische Art und Weise. Sondern alleine schon, wie häufig Israel (immerhin der einzige Staat der Welt mit dem Judentum als vorherrschende Staatsreligion) und der Nahostkonflikt in den Nachrichten sind, aber auch wie die deutsche Vergangenheit, der Holocaust, einfach immer mahnend über allem schwebt.
Das Judentum ist dadurch irgendwie eine unbekannte Größe. Einerseits politisch so oft instrumentalisiert und besprochen worden, anderseits etwas völlig fremdes, exotisches.
Es ist eine ganz eigene Art von Beziehung, zwischen den Deutschen und dem Judentum. Für mich ist es mittlerweile ein fester Bestandteil meines Lebens geworden Hebräisch zu hören, und freitags mit den Kindern Kabbalat Shabbat, die Begrüßung des Shabbats, zu feiern.
Aber wenn ich mich mit anderen Menschen darüber unterhalte, habe ich manchmal das Gefühl, dass sie sich dabei unwohl fühlen. Die Berührungsangst scheint unglaublich groß zu sein. Das Wort Judentum schreit gerade zu Genozid. Und da am Anfang auch noch in Betracht gezogen wird, dass ich ja selber Jüdin sein könnte, werde ich erst mal wie eine Außerirdische betrachtet, bis ich klar gemacht habe, dass ich es nicht bin.
Der Film „Ein ganz gewöhnlicher Jude“ gibt mir eine grobe Vorstellung davon, wie es wäre, wenn ich die Frage mit Ja beantworten würde. Wenn Menschen, die dich kennenlernen und deine Religion erfahren nur noch dieses blinkende „Holocaust!“-Schild sehen…
Es ist ja vollkommen verständlich. Wie viele haben schon wirklich ihre Großeltern/Eltern o.ä. gefragt, was sie genau in den Jahren 1933 – 1945 gemacht haben und was sie gewusst haben? Da meldet sich das (kollektive) Schuldgefühl.
Vielleicht ist das Problem dieser Berührungsangst ja wirklich, dass nicht besonders viele Menschen eine Jüdin oder einen Juden persönlich kennen – das Unbekannte wirkt nochmal fremder, dass kennt man ja auch vom Thema Homophobie, Menschen, die eine*n Homosexuelle*n kennen, sind weniger anfällig für Vorurteile gegen diese.
Doch man kann ja nicht wirklich vor jede Schulklasse Vertreter*innen von Minderheiten stellen, damit jeder Mensch als solcher gesehen wird, und nicht als nur über eine Gruppe definierbar. Es braucht aber eben Bildungsangebote, die einem dabei helfen seine Vorurteile und (Berührungs-)Ängste zu reflektieren und zu überwinden.
Eine unglaublich großartige Art und Weise mit Vorurteilen rund um das Judentum umzugehen hat das Jüdische Museum Berlin sich einfallen lassen. In der Sonderausstellung „Die ganze Wahrheit… was Sie schon immer über Juden wissen wollten“ werden alle möglichen Fragen rund um das Judentum beantwortet, kreativ, ironisch und subtil. Und, das Spannendste: es gibt die Möglichkeit einem „real jew“ (einer echten Jüdin/einem echten Juden) Fragen zu stellen, und mit ihm zu reden. Also in gewisser Weise die Idee aus „Ein ganz gewöhnlicher Jude“ im Museum umgesetzt.
Ob solche Aktionen wirklich etwas am Denken der Menschen verändern ist natürlich immer fraglich, aber ich denke, dass wir vor allem mit solchen Mitteln weiterkommen werden auf dem Weg zu einer Gesellschaft, die nicht mehr so empfänglich für Antisemitismus ist, weil das Judentum wieder etwas „Normales“ geworden ist…