Der #Aufschrei und die Konsequenzen

Es ist krass, was mensch alles für Geschichten unter dem Hashtag #Aufschrei auf Twitter zu lesen bekommt.
Ich hab das Gefühl ich müsste Kotzen, wenn ich lesen muss, dass „Der Schwimmlehrer, der alle Mädchen im Kurs zur Begrüßung auf den Mund küsste – die jeweils jüngste mit Zunge“ (@totalreflexion) keine Konsequenzen zu spüren bekommen hat (sic!).
Genauso schlimm ist aber eigentlich, was einem selber alles so einfällt.
Der Lehrer, der immer viel zu nah hergekommen ist, dem mensch deswegen immer im Flur ausgewichen ist.
Der Vater aus meiner Kita, der beim ersten Treffen einen dummen Spruch über meinen Ausschnitt gemacht hat, und dem sein zweijähriger Sohn versucht mich auszuziehen, und mensch sich einfach nur noch denkt: „Da wissen wir ja woher es kommt.“
Der Typ im Club, mit dem ich rumgemacht habe, und der nicht akzeptieren wollte, dass ich nicht mehr will, bis ich aufs Klo geflüchtet bin.
Die Typen, die mir vorwerfen assi zu sein, weil ich den Typen im Club stehen gelassen habe, weil er meine Grenze nicht akzeptiert hat, und dass ich mich nicht wundern brauche, wenn „Männer“ Grenzen nicht verstehen, wenn wir „Nein“ sagen aber „Ja“ meinen.
Sachen, die einem unwichtig erschienen, nicht wert, dass mensch sie ausspricht, jemandem mitteilt.
Sachen, die scheinbar so vielen aber auch passiert sind, und die jetzt teilweise gesammelt werden.

Mir persönlich fallen außerdem gerade tausend Momente ein, in denen ich erwartet habe, jetzt eine sexistische Bemerkung zu hören. Oder in denen ich nichts gesagt habe, weil ich nicht abgestempelt werden wollte.
Als Feministin. Als „Emanze“. Als „humorlos“.
Komische Blicke, weil ich Fußball mag. Ein dummer Spruch über meine „Unentspanntheit“, weil ich es nicht so stehen lassen wollte, als einer in Gemeinschaftskunde meinte, dass Frauen hinter den Herd gehören.
Es ist die Tatsache, dass mensch sich in dieser Gesellschaft dafür schämt Feminist*in zu sein.

Doch das ganze Über-die-Vergangenheit-Reden, okay. Aber was soll jetzt daraus werden?
Dass die Gesellschaft mal eben aufhört sexistisch zu sein, ist ja wohl eher ein Wunschtraum.
Ich denke, wir müssen zwei Konsequenzen daraus ziehen.
Eine, jeder persönlich: Wir müssen aufhören zu schweigen und hinzunehmen, wir müssen in Situationen einschreiten und uns wehren, wenn es zu sexistischen Bemerkungen oder Übergriffen kommt, wir müssen solidarisch mit anderen (Frauen*) sein.
Ich weiß, es ist nicht einfach gegen Fremde aufzustehen, genauso wenig wie gegen Freund*innen. Das erfordert Mut. Ich weiß auch nicht, ob ich es jedes Mal schaffen werde. Aber gerade in einer Gruppe/in der Öffentlichkeit, wenn mensch höflich bleibt, und es nicht gerade mit einem Nazischläger zu tun hat, wo mensch um die eigene Sicherheit fürchten muss, sollte es doch möglich sein zu sagen: „Hey, das ist falsch, Sie/Du überschreiten/überschreitest da eine Grenze!“
Dann sind wir halt Emanzen, verklemmt oder humorlos! Wenigstens haben wir ein gutes Gewissen, dass wir richtig mit Menschen umgehen.
Die zweite Konsequenz muss gesellschaftlich kommen.
Ja. Ich weiß. Wie soll mensch gegen den Großteil der Gesellschaft vorgehen?
Ich glaube, wenn der Staat mit Gesetzen und Regelungen etwas fördert, dann kann es auch in die Köpfe der Menschen übergehen.
Wir brauchen nicht nur einen simple Aussage im Grundgesetz von wegen: „Männer und Frauen sind gleichberechtigt. Der Staat fördert die tatsächliche Durchsetzung der Gleichberechtigung von Frauen und Männern und wirkt auf die Beseitigung bestehender Nachteile hin.“ (Art. 3 (2), GG) Der zweite Satz muss auch umgesetzt werden!
Das heißt: Frauenquote, 50+. Das heißt Empowerment von Mädchen in Schulen, das heißt echte Möglichkeiten Familie und Beruf unter einen Hut zu bringen, nicht nur für Frauen.
Es muss möglich sein, dass Kinder nicht schon in jüngstem Alter mit ihrem Geschlecht konfrontiert werden. Lehrer*innen und Erzieher*innen also gerade Menschen, die mit Kindern arbeiten, brauchen besondere Fortbildungen bzw. Teile in ihrer Ausbildung in denen sie für Gender und Geschlechtergerechtigkeit sensibilisiert werden.

Und so weiter und so fort. Wir müssen für unsere Post-Gender-Gesellschaft arbeiten.

Edit (25.1.13, 19:30)
Und bitte: nehmt Frauen (und auch Nicht-Frauen) ernst, wenn sie von sexuellen Bedrängnissen erzählen. Nicht sie müssen sich rechtfertigen, sondern die Täter*innen.


2 Antworten auf „Der #Aufschrei und die Konsequenzen“


  1. 1 Philipp 25. Januar 2013 um 19:53 Uhr

    „Das heißt: Frauenquote, 50+.“
    Damit würde widerum der erste Grundsatz fallen. Ich finde es keine gute Idee, eine Ungerechtigkeit durch eine neue zu ersetzen. Die Ungleichheit setzt viel früher ein – dann plötzlich bei Führungspositionen eine 50/50 Aufteilung zu erzwingen ist für die Männer einfach nur unfair. Wenn man sich einfach schon die Einschreibungsraten für die versch. Studiengänge ansieht, sieht man ja auch, dass die Interessenlage sehr verschieden ist/gemacht wird.
    Viel wichtiger ist definitiv eine emanzipatorische Erziehung und die liefert die Schule im Moment definitiv nicht.
    „Das heißt Empowerment von Mädchen in Schulen“
    Ich weiß nicht was du meinst, aber meine Erfahrung ist, dass in Schulen leider sehr oft noch „Mädchen sind immer brav“ gilt, was u.a. zu enormer Bevorzugung bei der Notenvergabe führt.
    Empowerment kann in dem Fall nur heißen, dass man Mädchen und Jungen gleich bewertet und eben auch schüchterne Mädchen lernen (müssen), den Mund aufzumachen um gute mündliche Noten zu kriegen. Ähnliches gilt IMO auch für Förderprojekte, in z.B. Physik, die dann nur für Mädchen sind, damit diese „nicht von den Jungen eingeschüchtert werden“ – genau der falsche Ansatz! Die Mädchen sollen und müssen doch früh lernen sich vom anderen Geschlecht nicht einschüchtern zu lassen (zumal die physikinteressierten Jungen meiner Erfahrung nach in keinster Weise aggressiv auftreten, die Einschüchterung erfolgt angeblich schon durch pure Anwesenheit von Jungen). Durch das viel zu frühe schaffen solcher Schutzräume wird es Mädchen unmöglich gemacht, zu lernen, sich gegen andere zu behaupten.
    „das heißt echte Möglichkeiten Familie und Beruf unter einen Hut zu bringen, nicht nur für Frauen.“
    Ja das ist z.B. ein Punkt den man statt einer Quote wirklich weiter fördern muss.

  2. 2 Dora 25. Januar 2013 um 20:33 Uhr

    Lieber Philipp,
    du schreibst davon, dass ja eh Interessen teilweise vom Geschlecht abhängig sind (Einschreibezahlen). Damit begründest du auch schon meine Argumentation für die 50+ Quote. Wir leben in einer Gesellschaft mit einer strukturellen Benachteiligung von Frauen. Selbst, wenn wir es nicht wollen, unterbewusst sind wir gesellschaftlich darauf getrimmt, dass wir Männer häufig für kompetenter halten, und dann eher einen Mann wählen als eine Frau (z.B. in politische Ämter). Oftmals unterschätzen sich auch Frauen selber, trauen sich weniger zu (klassisches Beispiel: Matheunterricht ;)). Das ist strukturell bedingt, und muss meiner Meinung nach durch eine „positive Diskriminierung“ so lange bekämpft werden, bis die strukturelle Benachteiligung aufgehoben ist, und die Quote an sich überflüssig ist, weil wir es geschafft haben, und Post Gender sind.
    Mit Empowerment meine ich so Sachen wie Selbstbehauptungs-, und Selbstverteidigungstrainings. Halte auch z.B. den Girls Day für eine gute Sache, auch wenn sich das ja mittlerweile sehr ausgedehnt hat, und weit weg ist von der Ursprungsidee.
    Bei der Grünen Jugend macht der Frauen- und Genderrat sogenannte „Weitersteigerinnenseminare“, die auch dem Empowern von jungen Frauen dient, und hier machen wir z.B. Redetrainings, oder üben wie frau sich in eine Diskussion einbringen kann. Auch so etwas kann ich mir an Schulen vorstellen, solange Frauen immernoch strukturell benachteiligt sind.
    lg Dora

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