„Weihnachtsfilm“ gegen das Vergessen?

Ich als Freiheitsstatue 2002 Beim Durchschauen alter Fotos an Weihnachten fiel mir dieses Mal eines besonders ins Auge. Ich, als Freiheitsstatue verkleidet, ganz hinten in der Ecke auf meinem Bett stehend, damit ich eine möglichst weiße Wand als Hintergrund habe. Und auf meinem Arm, als Declaration of Independence, „Als Hitler das rosa Kaninchen stahl“. Nun mag man von dieser Symbolik halten, was man möchte (ein paar Fotos weiter bin ich mit Peacezeichen ins Gesicht gemalt auf dem Weg zu meiner ersten Demo, gegen den Irakkrieg, ich hätte damals wohl nicht mal gewusst, wo auf der Welt der Irak überhaupt ist). Aufgefallen ist mir das Bild jedoch wegen des Buches. Ein weiterer Fotobeweis: Weihnachten 2001 packt meine Schwester das Buch als Geschenk aus. Vermutlich habe ich „Als Hitler das rosa Kaninchen stahl“ also das erste Mal 2002 gelesen, mit acht oder neun, ungefähr im selben Alter wie die Protagonistin Anna zu Beginn des Romans. In der Retrospektive würde ich behaupten, dass es meine Sicht auf den NS mitgeprägt hat, zum ersten Mal wurde ich als Angehörige der Täter_innen-Gesellschaft mit der Betroffenenperspektive des NS konfrontiert und lernte Anna kennen, ein kluges, etwas dramatisches Kind, in dem ich mich irgendwie selbst wiederfand.
In den letzten Dezemberwochen nun schaute mich das rosa Kaninchen nicht nur von Familienfotos, sondern auch von den Plakatwänden an, überschrieben mit „Der Weihnachtsfilm“. Über wie viele Schreibtische das lief, bevor es so in den Druck ging, will ich gar nicht wissen, der Kontext aus dem dieses Zitat kommt, ein Brigitte-Kommentar, liest sich auch in seiner langen Version nicht besser: „Aus Annas Sicht gibt es auf der Flucht viel mehr Alltag als Schrecken, trotz der Entwurzelung ist da immer der Zusammenhalt ihrer Familie, was dem Film Kraft und Hoffnung gibt. Der perfekte Weihnachtsfilm – ob mit der Familie oder ohne.“ Ich weiß nicht, was die verantwortliche Autor_in so für Vorstellungen von Weihnachtsfilmen hat, aber die Idee, einen Film über die Vertreibung und Flucht einer jüdischen Familie zu einer wohligen Abendunterhaltung, zwischen Glühwein trinken und Raclette essen, für zu meist nicht-jüdische Täter_innen-Familien zu machen, mir persönlich behagte die Vorstellung eher weniger.
Trotz dieser Anti-Werbung war ich am vergangenen Wochenende im Kino und habe mir seit dem einiges an Gedanken gemacht. Über Judith Kerr, über Anna, über das rosa Kaninchen, über das Ziel und die Zielgruppen von Shoah Education, aber auch darüber, ob und wie ich eine Erzählung unter diesem Aspekt beurteilen kann, der ich solch einen gewaltigen Einfluss auf mich zuspreche. Und so ist hier ein Text entstanden, eigentlich als Filmkritik angedacht, aber nun voller Schlaglichter und Gedanken, ich hab aber auch eigentlich keine Ahnung, wie eine Filmkritik eigentlich funktioniert, von daher.

Erziehung nach Auschwitz
Diskutiert man über eine pädagogische Auseinandersetzung mit dem NS, dann sind in der Regel die beiden großen imaginierten Zielgruppen einerseits die Kinder aus der deutschen Mehrheitsgesellschaft, deren (Ur-)Großeltern „von nichts wussten“ oder andererseits die „Migranten- und Flüchtlingskindern“, denen man erklären muss, wie wir Deutschen das hier so machen mit unserer Vergangenheit. Wenn als Allheilmittel gegen Antisemitismus über Zwangsschulbesuche in KZ-Gedenkstätten gesprochen wird (oder noch schöner über „Zwangsbesuche im KZ“), dann denken die wenigsten darüber nach, was das emotional heißt für die Kinder. Oder auch, wie Menschen mit unterschiedlichen familiären und biografischen Erfahrungen auf das 0815-Programm reagieren, dass Lehrer_innen dort abziehen, häufig genug gegen den Willen der Gedenkstättenpädagog_innen, wenn diese überhaupt mitreden dürfen. Vergessen werden jüdische Kinder, Sinti- oder Roma-Kinder, Kinder, bei denen in der Familie der Holocaust keine entfernte Erzählung ist, sondern in denen möglicherweise Familienmitglieder ermordet wurden. Vergessen werden Kinder, die zwangsläufig schon erfahren mussten, was es heißt, wenn die Großmutter im Lager war oder die Eltern unter vererbten Traumata leiden. Und vergessen werden Kinder, die bereits selbst Ausgrenzung erfahren mussten.
Viel zu häufig habe ich von Jüdinnen_Juden gehört, wie unangenehm der Geschichtsunterricht für sie wurde, sobald es an die NS-Zeit ging. Sei es, weil sie genau wie alle anderen nach Hause geschickt wurden, um die Großeltern zu befragen, wo diese denn damals waren oder, weil sie extra die ganze Zeit in den Vordergrund gerückt wurden und alle darauf schauten, welche Emotionen sie denn jetzt wohl angesichts des mörderischen Antisemitismus zeigen würden, der doch eigentlich auch für sie bestimmt war. Als auf Twitter die Diskussion los ging um den „Weihnachtsfilm“, erklärte eine jüdische Journalistin, dass sie sich damals in der Schule nicht in „Als Hitler das rosa Kaninchen stahl“ wieder gefunden hat, sie habe nicht das Gefühl gehabt, dass sie adressiert wurde. Ich halte es für enorm wichtig, sich solche Erfahrungen vor Augen zu halten und mit zu denken, wenn man auch nur auf die Idee kommt, sich mit dem Bereich der Vermittlung der Shoah und des NS auseinander zu setzen. Was für mich prägend, beeindruckend war, ist es nicht unbedingt für andere, gleichzeitig kann ich mich selber nicht mehr daran erinnern, wie ich mit der Schule in der Gedenkstätte Dachau war, ich habe noch den Parkplatz und die Fahrt im Kopf, aber sonst alles verdrängt, warum auch immer. U.a. deshalb betone ich hier auch immer wieder, dass es sich um meine Erfahrung handelt, die nicht verallgemeinerbar ist.
Wir müssen uns bei der Vermittlung der NS-Verfolgungsgeschichte, wie generell eigentlich immer im Umgang mit Menschen, bewusst machen, dass die Lernenden nicht ungeprägte, leere Leinwände sind, sondern Erfahrungen, (Halb-)Wissen, Ressentiments, Erwartungen und unterschiedliche Persönlichkeiten mitbringen. Es fühlt sich albern an, das zu schreiben, aber oft genug wird Geschichtsvermittlung nun mal als „one size, fits all“ fantasiert. Wenn diese Vermittlung dann auch noch mal eben alles abdecken soll, was man so aus dem Holocaust lernen kann, dann braucht sich keiner wundern, wenn die Überforderung zu Abwehr führt. Und in der postnazistischen Gesellschaft sind nun mal auch die Erwachsenen keine moralisch überlegenen, allwissenden NS-Profis. Wie häufig jegliche Auseinandersetzung an Lehrkräften scheitert, die selbst zu sehr mit Schuldabwehr und Ressentiment beschäftigt sind, um die Unterstützung zu geben, die Lernende brauchen, kann man sich ausmalen.

Ido Abram benannte als pädagogische Prinzipien der Erziehung nach Auschwitz für Kinder und Jugendliche drei Stichworte: Wärme, Empathie und Autonomie. Zu fördern sind eine „Atmosphäre von Geborgenheit, Sicherheit und Offenheit“, die „Fähigkeit zum Nachdenken, zur Selbstbestimmung, zum Nonkonformismus“ sowie die „Empathie mit Tätern, Opfern und Zuschauern“. Empathie bezieht sich dabei auf ein kognitives Verständnis der Emotionen anderer, nicht eine emotionale Identifikation.
Ausgehend von dieser Grundlage, hat Noa Mkayton ein Konzept zur frühen Erstbegegnung mit der Shoah entwickelt. So schreibt sie:

„Lernziel ist an erster Stelle nicht die Vermittlung historischer Zusammenhänge und Abläufe, sondern der Aufbau einer Grundstruktur.“

Ganz im Sinne des pädagogischen Konzeptes Yad Vashems, liegen die weiteren Lernziele in der Vermittlung der Dimension des Holocaust, so sollen die Wirkungen bis heute begreifbar gemacht werden und die Vergangenheit mit der Gegenwart in Verbindung gesetzt werden, ohne den historischen Kontext und die Komplexität menschlichen Handelns aus den Augen zu verlieren. Voraussetzung dafür ist eine Lehrperson, die „über ausreichend Souveränität verfügen sollte, um tatsächlich autonome Schülerreaktionen zuzulassen bzw. herauszufordern“ und gleichzeitig dazu in der Lage sein muss, mit dem Vorwissen der Lernenden zurecht zu kommen und dieses einordnen und aufnehmen zu können – eine Aufgabe, die alles andere als leicht ist, bei einem Thema, dass „per se verletzende Dimensionen in sich birgt“.
Als Teil dieses Konzeptes schlägt Noa Mkayton Kriterien vor, die man bei der Auswahl von Materialien anwenden sollte: ausgehend von biografischen Narrationen eines Individuums geht man mit diesem gemeinsam den Weg, von vor dem Einsetzen der Verfolgung bis in das Leben nach dem Überleben. Dabei empfiehlt sich eine Protagonist_in im ähnlichen Alter, wie die Lernenden, in einer nicht komplett fremden Situation – erfordert doch die Lebensgeschichte eines erwachsenen religiös-orthodoxen Stetl-Juden eine andere Art von Vorwissen und Empathievermögen, als die eines säkular aufwachsenden Schulkindes.
Des Weiteren zeigt das Material die Handlungsspielräume und -optionen der unterschiedlichen Protagonist_innen auf, ohne schemenhafte Monster- oder Heiligenfiguren zu schaffen:

„Geschichte wird erst dann als komplexes Geflecht menschlicher Handlungsweisen erkennbar, wenn die Menschen selbst in ihren Entscheidungen und Unterlassungen, in ihren Schwächen und in ihrem Mut, also in der Ambivalenz menschlichen Verhaltens wahrgenommen werden können.“

Explizit benennt sie außerdem die notwendigen positiven Aspekte der Narration: Familienzusammenhalt, Solidarität, das Überleben der Protagonist_in. Der eigentliche Genozid wird nicht direkt thematisiert, aber:

„Dabei geht es nicht um die künstliche Herstellung einer „Lightversion“ des Holocaust, sondern um das bewusste Aussparen von Lerninhalten mit traumatisierendem Potential, ohne jedoch auf eine klare und eindringliche Beschreibung der Verluste, die Menschen zugefügt wurden, zu verzichten.“

Meine Schwester mit Als Hitler das rosa Kaninchen stahlAls Hitler das rosa Kaninchen stahl
Warum dieser Exkurs in die Theorie? Während meiner Zeit in Yad Vashem sprach ich Noa, nach einem ihrer Vorträge über dieses Konzept vor einer Reihe von Lehrer_innen, auch auf „Als Hitler das rosa Kaninchen stahl“ an. Ich weiß nicht mehr konkret, was die Antwort war, aber ich reime mir in etwa zusammen, dass der Kritikpunkt war, dass man in deutschen Schulen das Buch als Autobiografie las und darüber vergesse, dass es ein Roman ist und somit andere Maßstäbe und Ansätze gewählt werden müssen. Die Bücher und Materialien, die bspw. Yad Vashem aufbereitet hat, erzählen Geschichten zwar auch aus der subjektiven Erinnerung der Überlebenden, aber zeugen damit eben von der Konstruktion des menschlichen Gedächtnisses und der damit verbundenen Geschichtserzählung und nicht von bewusst erfundenen Details.
Nicola Otten schreibt in ihrer Dissertation über die autobiographischen Schriften der Familie Kerrs:

„Die Neugestaltung der eigenen Vergangenheit hat für Judith Kerr eine befreiende Funktion, im Prozess der Niederschrift wird sie zur Autorin ihres Lebens. (…) Die Fantasie wirkt hier kompensatorisch: Die reale Welt wird durch eine gewünschte ersetzt, die sinnhaft und kohärent ist.“ (S. 121).

So verändert sie zeitliche Reihenfolgen oder lässt Kontextwissen weg, weil das erinnerte Kind davon nichts wusste.
Ich möchte auf dieser Grundlage hier also explizit nicht dafür werben, das Buch und den Film im Schulunterricht einzusetzen. Für den Regelschulbetrieb gibt es von Gedenkstätten wie Yad Vashem oder etwa dem Anne Frank Zentrum Berlin sehr passendes Material, das pädagogisch hervorragend aufgearbeitet ist. Lehrer_innen, mit besonderem Interesse, finden außerdem garantiert gute Unterstützung bei den zahlreichen engagierten Gedenkstättenpädagog_innen, die ein Ausmaß an Wissen und Erfahrung haben, das viel zu selten genutzt und anerkannt wird.
Trotzdem sehe ich einige der oben benannten Elemente auch in Judith Kerrs Werk und fühle mich ihr und dem Buch bis heute sehr verbunden und möchte ein wenig beleuchten, warum.

Zur Entstehung von „Als Hitler das rosa Kaninchen stahl“ erzählte Judith Kerr die Geschichte, dass ihr Sohn so glücklich war, nachdem er den Film „Sound of Music“ gesehen hatte, weil er nun wüsste, wie die Kindheit seiner Mutter ausgesehen habe. Dies nahm Kerr zum Anlass, selbst die Geschichte ihre Kindheit aufzuschreiben – als Geschichte für ihre Kinder. Diese angedachte Zielgruppe halte ich für den gleichzeitig großen Vor- und Nachteil, so ist die Erzählung dadurch vermutlich noch persönlicher und an einigen Stellen ehrlicher geworden, aber eben auch auf eine andere Art gefiltert um die eigenen Kinder vor Leid und das Andenken der Eltern zu schützen. So oder so, ist es ein Faktor, der bei der Bewertung von Veränderungen, Entschärfungen oder Beschönigungen mit gedacht werden muss.
Anna, wie Kerr ihre an sich selbst angelehnte Protagonistin nennt, hat mich als Kind sehr beeindruckt. So „banale“ Fragen, wie die Auswahl des Spielzeugs für die Flucht, während man beim Rest davon ausgeht, es schon bald wiederzusehen, Formulierungen wie „es kam ihr schön und abenteuerlich vor, ein Flüchtling zu sein“, die Freude, aufgrund der „schweren Kindheit“ nun doch berühmt werden zu können – sie sind so „falsch“, dass sie genau richtig sind. Kein hochtrabendes moralisches Zeigefingerheben, sondern die geheimen, ehrlichen Gedanken eines Kindes.
Die Familie verlässt Deutschland bereits vor der Wahl 1933, als Hauptgrund für die Flucht der Familie wird immer wieder die politische Arbeit des Vaters genannt. Besonders spannend finde ich in diesem Zusammenhang den Blick auf die Polizeistrukturen, bereits zu dieser Zeit. Die Mutter erklärt den Kindern, dass der Vater überstürzt über Nacht nach Prag geflohen ist, da sie vermuteten, dass ihm der Pass abgenommen werden soll, es folgt dieser Dialog, in meiner Ausgabe auf S. 19:

„“Wer könnte ihm denn seinen Pass wegnehmen?“
„Die Polizei. In der Polizei gibt es ziemlich viele Nazis.“
„Und wer hat ihn angerufen und ihn gewarnt?“
Mama lächelte zum ersten Mal.
„Auch ein Polizist. Einer, den Papa nie getroffen hat; einer, der seine Bücher gelesen hat und dem sie gefallen haben.“"

Vor allem aber zeigt sich hier bereits zu Beginn des Buches, dass das gesamte System auf Entscheidungen beruht.
Auch wenn die klare, politische Opposition zu den Nazis immer wieder betont wird, spielt auch Antisemitismus eine relevante Rolle. Die antisemitischen Situationen, die Kerr beschreibt, waren für mich als Kind einprägsam, insbesondere die deutschen Feriengäste in der Schweiz, die nicht mit Anna und Max spielen dürfen, weil diese Jüdinnen_Juden sind, weshalb sich die schweizerischen Freund_innen entscheiden müssen (Eine Wahl, die für Anna und Max ausfällt, also anders als die historische schweizerische Wahl…). Den Kindern wird zum ersten Mal so richtig vor Augen geführt, dass sie, im Gegensatz zu den Nazi-Kindern, nicht so schnell nach Hause zurück können. Auch die Situation, als der Vater den Kindern angesichts der politischen Lage erklärt, dass sie Juden sind und was es bedeutet in einer antisemitischen Gesellschaft Jude zu sein, schafft einen Lernmoment, den Anna, Max und (nicht-jüdische) Lesenden teilen können. Natürlich bekommt man keine komplexe Analyse der Ideologie des Antisemitismus, aber wie Othering funktioniert und wie Anna ihre Rolle als Jüdin unfreiwillig aufgedrängt wird, zeigt einen Aspekt des Antisemitismus, der eine Grundlage für ein weitergehendes Verständnis schaffen kann – dass gleichaltrige jüdische Kinder heutzutage einen solchen Lernmoment schlimmstenfalls bereits selber erleben mussten, verstand ich damals noch nicht.
Der nationalsozialistische Staat, der staatliche Antisemitismus und seine Folgen werden in Gesprächen unter den Erwachsenen angerissen, für die Lesenden aber gefiltert durch Annas kindliche Sicht, die nur einen Teil des Gesprochenen einordnen kann. So wird etwa darüber gesprochen, dass die Bücher des Vaters verbrannt wurden und Anna erfährt aus einem belauschten Gespräch ihrer Mutter von der Folter eines jüdischen Professors in einem Konzentrationslager, was ihr körperliches Unwohlsein bereitet – eine Reaktion, die man vielleicht ebenso empfindet und die so normalisiert wird. Anna ist genauso überfordert, wie viele Kinder es wohl sind, wenn sie das erste Mal mit dem Grauen der Shoah konfrontiert werden. Eine Perspektive, die ich viel besser verarbeiten konnte als etwa die in Robert Benignis „Das Leben ist schön“, die andere popkulturelle Erstbegegnung mit den Lagern an die ich mich erinnere und die mich verstört zurück ließ.
Die Geschichte des Familienfreundes Julius schließlich steht im Roman symbolisch für viele in Deutschland zurückgebliebene Jüdinnen_Juden, die lange noch den Glauben an Besserung hatten. Julius hatte eine jüdische Großmutter und war deshalb aus dem Zoo ausgeschlossen worden, der Kummer darüber trieb ihn in den Suizid. Der Tod wird nicht ausgespart und wie Nicole Otten schreibt, die Nachricht darüber für den erzählerischen Bogen sogar zeitlich verschoben:

„Diese Tatsache zeigt die literarische Stilisierung, aber auch das Bemühen der Autorin, Ereignisse von historischer Relevanz für die Entwicklung in Deutschland einzuarbeiten.“ (S. 153).

Ich entdeckte die Fortsetzungen des Romans erst 2013 als (naja so halbe) Erwachsene, durch Zufall im Buchladen, eine Jubiläumsausgabe der gesamten Trilogie zu Judith Kerrs Geburtstag und hatte somit eine andere Leseerfahrung bei diesen beiden Teilen. Tatsächlich sind diese auch nochmal expliziter, die Protagonistin ist älter und bekommt die Geschehnisse in „Warten bis der Frieden kommt“, die Bombardierungen Londons, nochmal auf eine andere Weise mit. Die Familie wohnt in einem Hotel voller Geflüchteter, der Bruder Max und ein Onkel werden als „feindliche Ausländer“ interniert und alle kämpfen mit ihrer Identität zwischen dem Wunsch nach Zugehörigkeit und den teils misstrauischen Ablehnungen. Gezeigt werden die Folgen des Exils in unterschiedlichsten Facetten, die das als „happy“ interpretierbare Ende des ersten Teils in Frage stellen. Der Kriegsverlauf wird personalisiert, unter den Geflüchteten, die im selben Haus wohnen, ist immer auch jemand aus einem der neu besetzten Länder.
In „Eine Art Familientreffen“ ist Anna dann schließlich erwachsen, die Nachkriegsgeschichte wird thematisiert und so las ich zum ersten Mal in einem Roman über die Gefühlswelt einer Exilantin, die nach Deutschland zurückkehrt. Kalter Krieg, der Ungarnaufstand und die Suez-Krise geben einen politischen Rahmen für Annas eigene Zerissenheit, der neue Erzählstil mit Rückblenden einen sprachlichen. Die in den vorigen Büchern (relativ) heile Familienwelt bleibt endgültig in diesen zurück. Ein Suizidversuch der Mutter ist Anlass für Annas Rückkehr nach Deutschland und, da auch der Vater sich für den Freitod entschieden hatte, wird der endgültige Verlust einer Kindheit mit der gleichzeitigen Rückkehr an den Ort, an dem die Erzählung begann, verknüpft. Dass diese Fortsetzungen so viel weniger bekannt sind als das Rosa Kaninchen ist wohl symptomatisch, ist es doch genau dieses Weiterleben, was zumeist vergessen wird, wenn man über die Opfer des NS spricht.

Der Film
Ich ging nun also dank der „Weihnachtsfilm“-Werbung mit genau gar keiner Erwartung in den Film, am ehesten habe ich ein Fiasko erwartet, Romanverfilmungen haben immer das Potential dazu. Dennoch oder vielleicht auch gerade deswegen kam ich erleichtert aus dem Kino. Ich gebe nun auch nur diesen relativ erleichterten, ersten Eindruck, nach einmal Sehen und ein paar Mal darüber schlafen, wieder.
Die Schauspielerin, Riva Krymalowski, stellt Anna auf eine absolut berührende Art und Weise dar, was ich für das Alter insbesondere bemerkenswert finde und was wohl einer der entscheidendsten Faktoren für einen solchen Film ist. Ebenso großartig ist die Besetzung von Marinus Hohmann (Max, Annas Bruder), Oliver Masucci (Vater Arthur Kemper) und Justus von Dohányi (Onkel Julius), die für mich alle die Essenz ihrer Charaktere auf die Leinwand tragen. Nur die Darstellerin der Mutter, Carla Juri, machte mich ehrlich gesagt anfangs ein bisschen fertig mit ihrer Art zu Sprechen, wobei sich das im Laufe des Filmes besserte. Vielleicht sollte es also ein Stilmittel sein, um ihren persönlichen Wandel darzustellen, mich hat es eher gestört. Generell erhält sie wenig Screentime, die Belastung, die die Flucht für die Beziehung der Eltern darstellt, wird nicht in der selben Intensität wie im Buch gezeigt. So entfallen Szenen, in denen die überforderte Mutter auch noch dagegen kämpfen muss, dass der Vater das wenige Geld für unnütze Dinge ausgibt, während er gleichzeitig dagegen ankämpft Wohltätigkeit, bspw. von ihren Verwandten anzunehmen. Hier enthält der Ursprungsroman auch eine Dimension zu Geschlechterrollen im Kontext von Flucht, während sich der Film mehr auf die Figur des Vaters konzentriert und die Rolle der Mutter in ihrer Komplexität reduziert wird.
Anders als befürchtet, unterschlägt der Film die Thematisierung des Jüdischseins der Familie nicht. So kommt eine ganze Szene in einer Pariser Synagoge hinzu, in der der Vater seine sich wandelnde Beziehung zum Judentum angesichts des grassierenden Antisemitismus thematisiert. Der Ort mag etwas offensichtlich in der Wahl sein, aber die Spannung zwischen dem Vater und einem Regisseur, den er noch in Berlin in einer Theaterkritik zerrissen hatte, als man sich plötzlich – im gemeinsamen Schicksal vereint – wieder trifft, macht sie wohl zu einer der gelungensten Szenen des ganzen Filmes. Vermisst habe ich dagegen teilweise die kindlich-naive Sicht, wie etwa die Diskussion zwischen Anna und ihre beste Freundin in Berlin darüber, was Antisemitismus ist und was es bedeutet, dass Anna Jüdin ist. Auch wird die Person der österreichischen Grete, die im Buch der Mutter in Paris zur Hand geht, im Film zu einer überzeugten Antisemitin, die nichts mit der Familie zu tun haben will, eine Änderung, die ich noch nicht richtig einordnen kann. Sie ist neben der ehemaligen Haushälterin Heimpi und der Nachbarin Fräulein Lambeck eine der wenigen „Volksdeutschen“, die man trifft und während Heimpi politisch unscheinbar bleibt, wie auch im Buch, ändert sich auch Fräulein Lambecks Rolle. Im Buch bezeichnet sie sich als „Verehrerin“ des Vaters und scheint von seiner Berühmtheit beeindruckt, im Film wirkt sie eher wie eine Denunziantin, die wohl am liebsten sofort mit jeglichem Wissen über die Familie zur Polizei rennen würde. Ich vermute, dass hier die Intention eines Bildungsfilms durchkommt, der die 1933 herrschende Stimmung in einer möglichst großen Vielfalt wiedergeben will, neben den Hitlerjungen, mit denen sich Max prügelt, die die einzigen Nazis sind, die man tatsächlich sieht.

Was für mich glaube ich relativ entscheidend und die größte Erleichterung war: die Buchvorlage wurde nicht als Scherenschnitt genommen, um eine enthistorisierte, beliebige Fluchtgeschichte zu spinnen, wie ich es erwartet hätte.
Nachdem ich im letzten Jahr direkt nach dem Lesen des Romans die moderne Verfilmung (2018) zu Anna Seghers Transit gesehen habe, war ich ehrlich angepisst. Eine der wichtigsten Figuren im Roman – ein organisierter Kommunist und eine der prägenden Personen für den Protagonist – wird zu Beginn, ohne ein gesprochenes Wort von ihm, umgebracht. So wird direkt auf eine Art entpolitisiert, die gerade einer Anna Seghers Verfilmung nicht würdig ist. Gleichzeitig riss man im Film die komplette Storyline aus der Zeit, irgendwie ist es modern und gleichzeitig nicht und man weiß nicht so ganz genau wer eigentlich die Verfolger sind, aber Hauptsache noch eine „aktuelle“ Flüchtlingsfamilie gezeigt.
Ich verstehe natürlich den Ansatz. Die Empathielosigkeit gegenüber Menschen, die fliehen müssen und versuchen nach Europa zu kommen, um dann hier im Mittelmeer vor den Augen der kriminalisierten Seenotrettung zu ertrinken oder von Nazis durch die Straßen gejagt zu werden, ist hoffnungsraubend. Aber es trägt auch nicht zu einer Lösung bei, wenn kunstvolle Filme für ein Berlinalepublikum gedreht werden, die dafür aus einem Kontext gerissen werden, der selbst immer weiter in Vergessenheit gerät oder schlimmer: in die Vergessenheit gedrängt wird.
Es ist übrigens in beide Richtungen fragwürdig, auch die Menschen, die zur Zeit auf der Flucht sind oder waren, haben eigene Geschichten zu erzählen. Auch heute gibt es, Überraschung, Fluchtkontexte und -ursachen. Ebenfalls letztes Jahr habe ich beispielsweise den Film „Midnight Traveler“ gesehen, ein Film von der Familie Fazili-Hussaini, die aus Afghanistan flüchten mussten und – als Filmemacher_innen – ihre Flucht mit Handykameras filmen. Nicht nur lernt man im Film die Familie als Individuen kennen, er ist auch politisch. Gegen Vater Hassan Fazili wurde eine Fatwa ausgesprochen, die Mutter Fatima Hussaini war als Frau, die Filme macht, von ihrer eigenen Familie, ihren Brüdern, bedroht worden. Und auf der Flucht diskutieren irgendwann die Eltern mit der elfjährigen Tochter, ob diese einmal Kopftuch tragen müsse oder wolle – und sie entscheidet sich dagegen und wird unterstützt. Hier findet sich also politisch ein viel relevanteres Werk, dass sich konkret mit den Wegen von Geflüchteten durch das heutige Europa beschäftigt und somit auch aufklärt. Es erregt nicht einfach Mitleid mit einer unkonkreten, eindimensionalen Figur, sondern gibt vier der tatsächlich heute in Deutschland Angekommenen ein Gesicht.

Ja, ich denke ich kann also Interessierten „Als Hitler das rosa Kaninchen stahl“ ans Herz legen und empfehle, sich davor oder direkt danach in das Buch und insbesondere die Fortsetzungen einzulesen. Auch vierzig Jahre nach Veröffentlichung ist das Buch ein gutes Kinderbuch. Was entscheidend ist, ist eben nicht zu erwarten, dass man sich mit einem Buch oder Film ausreichend mit dem Nationalsozialismus beschäftigen kann und hinterher weiß was Sache war, dass man nicht jedes Kind mit „Als Hitler das rosa Kaninchen stahl“ und vielleicht noch dem „Tagebuch der Anne Frank“ gegen Antisemitismus und Geschichtsrevisionismus weihen kann. Ein Film ersetzt niemals die enorme pädagogische Arbeit, die es braucht, um den Holocaust für Lernende begreifbar zu machen.
Und ich empfehle, sich genau deshalb auch mit der realen Geschichte Judith Kerrs und ihrer Familie zu beschäftigen, weil sie eben für sich wertvoll genug ist. Jedes einzelne Schicksal, jede einzelne Person gehört gelesen und gesehen und gehört und als Mensch wahrgenommen. Eine Biografie steht niemals für die Gesamtheit der (jüdischen) Verfolgten. Sie zeigt uns nur einen winzigen Ausschnitt derer, die gedemütigt, vertrieben, ermordet wurden, denen die Nazis ihre Identität bis ins letzte zerstören wollten – und gibt ihnen vielleicht ein Stück zurück.
Es ist jedenfalls den Versuch wert.

Schreibtischtäterinnen ihres Systems?

Nach mehrfachem Wunsch möchte ich meine Hausarbeit mit euch teilen, die eine ganze Weile in den Tiefen meines Rechners liegen geblieben ist, die Krux der verschiebbaren Abgabefrist…
Die Sensibilität des Themas schafft einen relativ hohen Erwartungsdruck, aber ich habe es zumindest versucht, ihr könnt euch selber einen Eindruck verschaffen, wie ich das gemeistert habe und Kritik und Diskussion ist sehr willkommen.
Ich habe mich entschieden, die Arbeit nicht wirklich zu kürzen (eigentlich nur die Fußnoten für die bessere Lesbarkeit, wenn ihr irgendwo dazu Nachfragen habt, Bescheid sagen!), obwohl sie verdammt lang geworden ist, deshalb müsst ihr je nachdem wie gut ihr euch bereits auskennt, entweder sehr viel Bekanntes über Harry Potter oder über Antisemitismus ertragen ¯\_(ツ)_/¯
So oder so: viel Spaß!

Schreibtischtäterinnen ihres Systems?
Dolores Umbridge und Adolf Eichmann, ein Vergleich.

Inhaltsverzeichnis:
1. Einleitung
2. Charakterisierung Umbridges und des Regimes unter Voldemort
2.1 Die Todesserinnen und ihre Ideologie
2.2 Dolores Jane Umbridge
3. Charakterisierung Eichmanns und des NS Regimes
3.1 Die Geschichte des Antisemitismus
3.2 Adolf Eichmann
4. Vergleich
4.1 Die Ideologien
4.2 Rädchen im System?
5. Fazit
6. Literatur- und Quellenverzeichnis

In der gesamten Arbeit wird bei der Benennung von mehreren Personen das generische Femininum genutzt, wobei alle Angehörigen dieser Gruppe gemeint sind. Dies soll dem einfacheren Lesen dienen, auch wenn dadurch Personen inkludiert werden, die männlich sind oder sich keinem Geschlecht zuordnen können/wollen. Bei ideologischen Eigenbezeichnungen bspw. im Nationalsozialismus sollte beachtet werden, dass das binäre Geschlechtssystem sowie entsprechende stereotype Geschlechterbilder ein Teil dieser Ideologien sind. Wenn es um diskriminierende, historische Realitäten geht, wird auf das generische Femininum verzichtet, um auf diese Tatsache aufmerksam zu machen.

1. Einleitung
Popkultur dient in Zeiten von gesellschaftlichen Analysen, die Social Media gerecht gekürzt werden wollen, als viel genutzte Analogie zu (zeit-)historischen Ereignissen und Phänomenen. Insbesondere die „Harry Potter“-Serie gilt als generationsprägend für Menschen, die mit der Veröffentlichung der Bücher (1997 – 2007) aufwuchsen und bietet sich mit dem klassischen Gut-Böse-Schema für solche Vergleiche und Gleichsetzungen an. Die Autorin Joanne K. Rowling bestätigte zudem 2007, dass sie bewusst Parallelen zwischen der Ideologie der Nazis und der in ihren Romanen ziehen wollte: „I wanted Harry to leave our world and find exactly the same problems in the wizarding world“. Die Fragen inwieweit solche Parallelen gelungen sind und ob solche Vergleiche nicht eher historische Verbrechen relativieren, war Auslöser für die vorliegende Arbeit.
Bevor man sich wissenschaftlich dem Vergleich eines fiktionalen Charakters und einer historischen Person widmen kann, sollte man sich also genau dies klar machen: Adolf Eichmann war eine historische Person, ein real existierender Mensch, der am größten Verbrechen der Menschheit beteiligt war. Dolores Jane Umbridge hingegen ist, in all ihrer deutlich beschriebenen Grausamkeit, immer noch ein fiktionaler, nicht existenter Buchcharakter. Deshalb sollte ein solcher Vergleich nur unter Rücksicht auf das Andenken der Opfer der Nationalsozialistinnen gezogen werden, deren Leid und Erfahrung nicht relativiert werden darf. Dennoch ist auf dieser Basis ein wissenschaftlicher Vergleich möglich, insbesondere vor dem Hintergrund der Häufigkeit von nichtwissenschaftlichen Gleichsetzungen vielleicht sogar notwendig.
Den Ausgangspunkt bietet die oftmalige Charakterisierung Eichmanns wie Umbridges als sogenannte „Schreibtischtäterinnen“. Damit wird der Archetyp einer indirekten Verbrecherin beschrieben, die von ihrem Schreibtisch aus die Verbrechen anderer koordiniert. Hannah Arendt schreibt diesem Musterbild in ihrem Bericht zum Prozess Eichmanns in Jerusalem 1961 eine „Banalität“ zu, die dem beinahe übernatürlichen, teuflisch Bösen gegenüber steht. Inwieweit damit nicht nur Eichmann, sondern auch Umbridge charakterisiert werden kann, soll diese Arbeit klären.
Bei der herangezogenen Methode handelt es sich um eine vergleichende, bei der zuerst der Charakter Umbridges und die Voraussetzungen ihrer Welt betrachtet werden, anschließend die Person Eichmanns und die Funktionsweise von Antisemitismus im Nationalsozialismus, um diese am Ende einander gegenüber zu stellen.
Dabei gibt es auch einiges, was der Text nicht leisten kann. Die Menge an Informationen und an Details sprengt den Umfang der Arbeit. Um eine sinnvolle Vergleichsarbeit leisten zu können, wird nur auf Details eingegangen, die für den direkten Vergleich relevant sind oder zum Verständnis, insbesondere der Welt von „Harry Potter“, dienen.
Zum Schluss möchte ich noch darauf hinweisen, dass ich mich bei der Analyse der „Harry Potter“-Bücher aufgrund des sehr kleinen, wissenschaftlichen Pools zum Thema, rein auf eine eigene Textanalyse beziehe, also eine eigene Interpretation der Texte.

2. Charakterisierung Umbridges und des Regimes unter Voldemort
Die siebenbändige Buchreihe „Harry Potter“ erzählt die Entwicklungsgeschichte eines jungen Zauberers, der dazu gezwungen wird, sich mit dem „schwarzen“ Magier Lord Voldemort zu messen. Vor diesem individuellen Hintergrund beschreibt die Autorin Joanne K. Rowling eine, an eine Demokratie angelehnte, Hexen-Parallelgesellschaft in Großbritannien, die sich gegen permanente Angriffe der „Todesserinnen“, der Gruppierung um Voldemort, behaupten muss, die im Sinne ihrer Ideologie des „reinen Blutes“ mindestens eine Vormachtstellung für sich beanspruchen.
Aufgewachsen bei seinen nichtmagischen Verwandten, erfährt Harry erst im Alter von elf Jahren, dass er ein Zauberer ist und besucht von da an die Hexenschule „Hogwarts“ und taucht in eine magische Parallelwelt ein. Von Jahr zu Jahr (gleichzeitig auch von Buch zu Buch) bekämpft Harry, unterstützt von seinen Freundinnen, immer wieder die Bestrebungen Lord Voldemorts, die Macht über die Hexengemeinschaft zu ergreifen.
Die besondere Verbindung der beiden erklärt Rowling damit, dass Harry als Säugling einen Angriff Voldemorts, dem seine Eltern zu Opfer fielen, überlebte. Hingegen überlebte Voldemort den Angriff nur knapp und vegetierte seitdem in fremden Körpern. Nachdem dieser am Ende von Harrys viertem Schuljahr seinen Körper wiedererlangt (Band 4, S. 669ff.), beginnt er Schritt für Schritt die Hexengesellschaft zu übernehmen und zu beherrschen. Gelingt ihm das im fünften Teil noch im Verborgenen, komplett verleugnet vom „Zaubereiministerium“ (Band 5, S. 115), so wird er zwar ab dem sechsten Band auch durch das Ministerium bekämpft (Band 6, S. 48), kann aber schließlich im siebten Band eine von ihm gesteuerte Marionette als „Zaubereiminister“ einsetzen (Band 7, S. 214) und so die Macht komplett an sich reißen, bis er am Ende der Buchserie im Kampf mit Harry stirbt und damit auch sein Herrschaftssystem (Band 7, S. 752). Zeitlich lässt sich die Handlung der Buchserie in die Jahre 1991 bis 1998 einordnen.

2.1 Die Todesserinnen und ihre Ideologie
In der Welt von Harry Potter leben magisch begabte Menschen und nicht magisch begabte Menschen, genannt „Muggel“ (engl. „muggle“), nebeneinander her. Einige Hexen idealisieren die selbstbezeichnete „Reinheit“ ihres Blutes (Band 2, S. 121). Das heißt, dass sie daran glauben, dass Menschen aus nichtmagischen Familien oder mit nichtmagischen Familienmitgliedern weniger „wert“ sind als solche mit einem komplett magischen Stammbaum. Das „Muggelblut“ „verschmutzt“ dabei den „reinen“ Stammbaum auch über mehrere Generationen. Harry selbst, gilt zum Beispiel aufgrund seiner Muggel-Großeltern mütterlicherseits als ein sogenanntes „Halbblut“.
In den Büchern werden verschiedene Stufen der Ressentiments gezeigt. Horace Slughorn, Lehrer für „Zaubertränke“ ab dem sechsten Band, erklärt Harry, dass er nicht glauben konnte, dass Harrys Mutter Lily Potter, geborene Evans, aus einer Muggelfamilie kam, er dachte „sie müsste reinblütig sein, so gut, wie sie war“ (Band 6, S. 76). Trotz seiner latenten Vorurteile kämpft Slughorn in der Schlacht um Hogwarts auf Harrys Seite gegen Voldemort mit (Band 7, S. 743).
Als geschlossenes Weltbild präsentieren sich dagegen die Ansichten bei mehreren der im Buch vorgestellten großen Hexenfamilien, beispielsweise den Blacks. Neben einem Hang zur „dunklen“ Magie legen sie enormen Wert auf ihre Herkunft und ihr „reines“ Blut (Band 5, S. 135ff.). Insgesamt gibt es jedoch so wenige Hexen, dass eine Vermischung mit Muggeln eigentlich unvermeidlich war (Band 2, S. 121). Das „Reinhalten“ des eigenen Stammbaumes war nur dadurch möglich, dass die alten magischen Familien sich immer wieder untereinander verheirateten. Sirius Black, Harrys Pate, berichtet Harry von diesem Phänomen: „‘Die reinblütigen Familien sind alle miteinander verwandt!‘, sagte Sirius. ‚Wenn du deine Söhne und Töchter nur Reinblüter heiraten lässt, ist die Auswahl sehr beschränkt; es gibt kaum noch welche von uns.‘“ (Band 5, S. 138). Dabei wurden alle, die nicht nach den Vorstellungen der Familie lebten und heirateten, aus der Familie ausgestoßen und als Schande für die Familie wahrgenommen, so zum Beispiel Sirius Cousine Andromeda, die Ted Tonks, einen Muggelgeborenen, heiratete. Andromeda wurde aus dem Stammbaum der Blacks, einem alten Wandteppich, wortwörtlich heraus gebrannt (Band 5, S. 138).
Auch wurden ganze Familien aus der Gemeinschaft ausgeschlossen, so sind die Weasleys, die Familie von Harrys bestem Freund Ron und seiner zukünftigen Frau Ginny, eine ebenso alte, „reinblütige“ Familie, gelten jedoch als „eine Schande für die gesamte Zaubererschaft“ (Band 2, S. 67). Arthur Weasley, der Familienvater, wird für seine „Muggelliebe“ und seinen Einsatz für den Schutz von Muggeln verachtet und auch beruflich abgestraft. So ist er zwar Leiter des Büros gegen den „Missbrauch von Muggelartefakten“, wird jedoch schlecht bezahlt und symbolisch, wie das gesamte Arbeitsfeld, abgewertet, zum Beispiel durch sein „schäbiges Büro“, dass „noch ein wenig kleiner als der Besenschrank“ wirkt (Band 5, S. 160).
Sind dies alles noch gesellschaftliche Ressentiments, wird die Ungleichbehandlung unter der Marionetten-Regierung Voldemorts zum Gesetz. Die Übernahme des Ministeriums erfolgt schleichend: Gefolgsleute Voldemorts unterwerfen magisch Pius Thicknesse, den Leiter der Abteilung für „Magische Strafverfolgung“ im Ministerium (Band 7, S. 13), der als hochrangiger Mitarbeiter nicht nur Kontakt zum Minister selbst hat, sondern auch zu den Leiterinnen der anderen Abteilungen (Band 7, S. 13f.). Bereits zu diesem Zeitpunkt, ca. Juli 1997, ist das Zaubereiministerium schon so weit unterwandert, dass eine nahezu lückenlose Überwachung von Harry Potter und anderen Gegnerinnen Voldemorts möglich ist.
Mit der Ermordung des Zaubereiministers am 1. August 1997 erfolgt letztendlich die komplette Machtübernahme. Diese verläuft „reibungslos und weitgehend ruhig“ (Band 7, S. 214), der Bevölkerung wird mitgeteilt, dass der Zaubereiminister zurückgetreten ist und Thicknesse das Amt übernommen habe (Band 7, S. 214). Voldemort selbst hält sich bedeckt, Remus Lupin, ein enger Freund von Harrys verstorbenen Eltern, erklärt, dass andernfalls „vielleicht eine offene Rebellion ausgelöst“ worden wäre (Band 7, S. 215).
Gleichzeitig mit der Machtübernahme im Ministerium erfolgt die Übernahme des „Tagespropheten“, der einzigen, großen Tageszeitung der magischen Welt Großbritanniens. Dadurch hat Voldemort die Möglichkeit, seine Propaganda direkt zu verbreiten und beispielsweise Harry in Verruf zu bringen (Band 7, S. 214).
Neben der kompletten Kontrolle der Transportwege, legen die Todesserinnen auch einen „Bann“ auf den Namen Voldemort. Durch die Aussprache des Namens lassen sich die Sprechenden aufspüren und somit kann eine totale Überwachung und Bedrohungslage durchgesetzt werden (Band 7, S. 398).

Das Ministerium unter Voldemort macht einen schnellen Kurswechsel durch. Über den „Tagespropheten“ lässt man verbreiten, dass Magie „nur von Person zu Person weitergegeben werden kann, wenn sich Zauberer fortpflanzen“ (Band 7, S. 216). Somit unterstellt man allen Muggelgeborenen, ohne eine Hexe im Stammbaum, ihre Magie nur „gestohlen“ zu haben. Die „Registrierungskomission für Muggelstämmige“ wird ins Leben gerufen (Band 7, S. 303f.).
Die Untersuchung des Stammbaums geht einher mit der Herabstufung zu Hexen zweiter Klasse. Können keine magischen Verwandten nachgewiesen werden, kann man mit einem Aufenthalt in „Askaban“, dem magischen Gefängnis, rechnen. Unter anderem gibt die Kommission eine Broschüre namens „Schlammblüter und die Gefahren, die sie für eine friedliche reinblütige Gesellschaft darstellen“ (Band 7, S. 257) heraus. Der Begriff „Schlammblüter“ dient als ein Schimpfwort für Muggelgeborene, um auszudrücken, dass ihr Blut schmutzig und verdorben sei. Auf dem Deckblatt ist eine rote Rose mit einem lächelnden Gesicht zu sehen, „die von Schlingen eines grünen Unkrauts mit finsterer Miene stranguliert wurde“ (Band 7, S. 257).
Auch in Hogwarts hat das Regime seinen Einfluss und seine Diskriminierung institutionalisiert.
Als neuer Schulleiter wird mit Severus Snape ein ranghoher Todesser eingesetzt. Zwei weitere Todesserinnen, Amycus und Alecto Carrow, sind „für die ganze Disziplin verantwortlich“ (Band 7, S. 582), was konkret bedeutet, dass sie Schülerinnen dazu zwingen, sich gegenseitig zu foltern. Außerdem lehren sie in der zum Pflichtfach gewordenen „Muggelkunde“, dass „Muggel wie Tiere sind, dumm und schmutzig, und dass sie die Zauberer in den Untergrund getrieben hätten“ (Band 7, S. 582). Des weiteren hat Voldemort eine Schulpflicht eingeführt, um schon im jungen Alter Zugriff auf die magische Bevölkerung zu erhalten, jedoch dürfen nur noch Kinder mit einem nachgewiesenen Stammbaum die Schule besuchen (Band 7, S. 217). Verhielt sich eine Familie nicht nach ihren Vorstellungen, verschwanden die Kinder am Anfang oder Ende der Ferien, um so ein anderes Verhalten zu erzwingen (Band 7, S. 584).

Die Umwälzungen werden der magischen Gesellschaft grundsätzlich aufgezwungen, es gibt keine Wahlen. Voldemort übernimmt die Macht nicht direkt und offen, sondern agiert über Marionetten und damit über die bestehenden Verhältnisse. Kämpfte das Ministerium, nach der Verleugnung der Rückkehr Voldemorts im fünften Band, im sechsten Band noch gegen die Todesserinnen an, stehen sie im siebten Band auf der anderen Seite. Die Hexengemeinschaft leidet unter dem Terror, sie erwarten sich eigentlich Schutz durch das Ministerium (Band 6, S. 21), eine Minderheit steht also gegen die Mehrheitsgesellschaft. Dennoch gibt es kaum offenen Widerstand, die Hexen haben „Angst, dass sie die Nächsten sein werden, die verschwinden“ (Band 7, S. 97). Als einzige konkrete Widerstandsgruppen werden der „Orden des Phönix“ und „Dumbledores Armee“ genannt. Der Orden wird als eine Geheimgesellschaft eingeführt, in der sich Hexen zum Kampf zusammenschließen (Band 5, S. 85f.), während Dumbledores Armee eine von Harry ins Leben gerufene Schülerinnengruppe ist, die anfangs als Form des Widerstands gegen Umbridges Unterricht der Übung von defensiver Magie dient (Band 5, S. 383ff.), nach der Machtübernahme Voldemorts jedoch auch aktiv Widerstand in Hogwarts leistet (Band 7, 582ff.).
Der Orden agiert dabei die ganze Zeit unabhängig vom Ministerium, auch vor der Übernahme. Zwar sind viele Ordensmitglieder auch im Ministerium angestellt, unter anderem sind mehrere „Aurorinnen“, die Exekutive in der magischen Gesellschaft, Mitglieder des Ordens (Band 5, S. 117), trotzdem bleibt aufgrund des häufig als manipulativ empfundenen Verhaltens der jeweiligen Zaubereiminister und der finanziellen Abhängigkeit des Ministeriums von den großen magischen Familien wie den Malfoys das Verhältnis zwischen Orden (sowie auch Harry) und Ministerium immer unterkühlt (Band 7, S. 128).

2.2 Dolores Jane Umbridge
Dolores Jane Umbridge hat ihren ersten Auftritt im fünften Band „Harry Potter und der Orden des Phönix“. Sie ist in ihrer Funktion als erste Untersekretärin des Zaubereiministers Teil des „Zaubergamots“, dem Hexengericht, dem sich Harry Potter aufgrund von falschen Anschuldigungen stellen muss (Band 5, S.167ff.). Zu Beginn dieses Schuljahrs, Harrys fünftem, übernimmt sie zudem den Posten der Lehrerin für das Fach „Verteidigung gegen die dunklen Künste“. Dies ist eine politische Entscheidung des Zaubereiministers Cornelius Fudge, der damit den Einfluss des Ministeriums in Hogwarts erhöhen will (Band 5, S. 249ff., insbesondere S.253). Durch verschiedene Ausbildungserlasse erweitert Umbridge mit Fudges Hilfe ihre Macht in Hogwarts immer mehr. Sie wird zur sogenannten „Großinquisitorin“ ernannt (Band 5, S. 361), und schließlich, nach der Flucht des Schulleiters Albus Dumbledore, selbst zur Schulleiterin (Band 5, S.733). Unterstützt durch das von ihr ernannte „Inquisitionskommando“ (Band 5, S. 734), bestehend aus ihr ideologisch nahestehenden Schülerinnen, versucht sie immer wieder ihre Machtstellung in der Schule zu sichern, muss jedoch gegen den breiten Widerstand der Schule kämpfen.
Während dem gesamten Schuljahr ist Harry Potter für sie ein besonderer Dorn im Auge. Da das Ministerium seinem Mentor Dumbledore unterstellt einen Putsch zu planen und Harry Dumbledore offen unterstützt beziehungsweise beide offen erklären, dass Voldemort zurückgekehrt ist, geraten sie mehrfach aneinander.
Auch sonst zeigt Umbridge zum Beispiel den Lehrerinnen, die Dumbledore gegenüber loyal sind deutlich ihre Abneigung und quält sie mit erniedrigenden Unterrichtsbeurteilungen (z.B. Band 5, S. 369ff.).
Nach ihrem Sturz als Direktorin kann sie aufgrund eines Machtwechsels ohne Konsequenzen wieder ins Ministerium zurückkehren. Schließlich bringt ihr die Machtübernahme durch Voldemort und seine Anhängerinnen auch noch eine Beförderung ein: sie wird zur „Vorsitzenden der Registrierungskomission für Muggelstämmige“ (Band 7, S. 258). Dabei führt sie selbst Scheinverhandlungen gegen Muggelgeborene, die sie anklagt ihre Magie nur gestohlen zu haben und sie dann nach Askaban schickt (Band 7, S. 266ff.). Nach Ende der Herrschaft Voldemorts wird sie für ihre Verbrechen verurteilt und kommt selbst nach Askaban.

Umbridge kommt aus einer Familie mit einem magischen Vater, einer Muggel-Mutter und einem Bruder, der ebenfalls nicht magisch ist, ein sogenannter „Squib“. Sie verachtet ihre Mutter und ihren Bruder aufgrund des Mangels an Magie, bricht jedoch auch mit ihrem Vater, der ihr zu wenig ambitioniert ist und damit, ihrer Meinung nach, ihrem Ansehen schadet.
Rowling stellt Umbridge als eine Frau dar, die aussieht wie eine Kröte (Band 5, S. 176), die mit ihrer Vorliebe für Kitsch, die Farbe rosa und Katzenteller (Band 5, S. 312f.) auf den ersten Blick harmlos und eher lächerlich wirkt.
Umbridge unterbricht die alljährliche Routine Hogwarts bei ihrer Vorstellung am Anfang von Harrys fünftem Schuljahr, als sie in einer Rede ihre Absichten zum Ausdruck bringt. Dafür nutzt sie jedoch eine so verschleiernde, bürokratische Ausdrucksweise, dass den wenigsten diese Absichten bewusst werden. Sie spricht sich dabei deutlich für eine rückschrittliche Politik aus, denn „dem Fortschritt um des Fortschritts willen [muss] eine Absage erteilt werden“, schließlich bräuchten „unsere erprobten und bewährten Traditionen nicht des Herumstümperns“ (Band 5, S. 251). Einzelne Äußerungen sind aber tatsächlich gar nicht so verschlüsselt, wie es aus Harrys Sicht dargestellt wird: „Gehen wir also voran in eine neue Ära der Offenheit, der Effizienz und der Verantwortlichkeit, bestrebt, das zu bewahren, was bewahrenswert ist, zu vervollkommnen, was vervollkommnet werden muss, und zu säubern, wo wir Verhaltensweisen finden, die verboten gehören.“ (Band 5, S. 252).
Mit zunehmendem Machtgewinn zeigt Umbridge auch zunehmend, dass sie Gefallen daran findet, wenn andere Menschen durch sie verunsichert werden oder sich schlecht fühlen und sie damit Macht über sie besitzt. Als Großinquisitorin darf sie den Unterricht der anderen Lehrenden inspizieren. Als die „Wahrsagen“-Professorin Trelawney ihr nicht direkt etwas voraussagen kann, um ihr dann direkt eine angebliche „abgrundtiefe Gefahr“ zu prophezeien, kommentiert sie dies nur mit: „‘Nun, wenn das alles ist, was Sie können…‘“ (Band 5, S. 371). Ebenso lässt sie den „Zaubertränke“-Professor Snape bei seiner Inspektion seine Niederlage bei der Bewerbung um den Posten als Lehrer für „Verteidigung gegen die Dunklen Künste“ erklären (Band 5, S. 427). Sowohl Snape als auch Trelawney verdanken ihre Stelle Dumbledore und gelten als loyal ihm gegenüber. In dem Moment, in dem sie mit dieser Methode scheitert, gerät sie dagegen leicht aus der Fassung (Band 5, S. 781ff.).
Besonderes Vergnügen schien ihr auch das Quälen Harrys und seiner Freundinnen zu bereiten. So erteilt sie Harry und den Zwillingen Fred und George Weasley ein lebenslanges Spielverbot für den magischen Sport „Quidditch“ und verlässt danach den Raum „mit einem Ausdruck tiefster Befriedigung“ (Band 5, S. 489). Aber auch das Zufügen physischer Schmerzen (z.B. durch ihre Schreibfeder) bereitet ihr offensichtliche Freude (Band 5, S. 315f.).
Umbridge hat neben ihrer Verachtung für nichtmagische Menschen, eine noch größere Abscheu gegenüber nichtmenschlichen, magischen Geschöpfen. Besonders deutlich wird dies in ihrer Interaktion mit Hagrid, den Wildhüter und Lehrer für „Pflege Magischer Geschöpfe“, den sie eben nicht nur wegen seiner Loyalität zu Dumbledore verachtet, sondern besonders dafür, dass seine Mutter eine Riesin war. Sie zeigt ihre Abneigung offen vor allen Schülerinnen, beispielsweise indem sie mit ihm spricht, „ganz als würde sie mit jemandem reden, der fremd und nicht besonders schnell von Begriff war“ (Band 5, S. 525). Auch gegenüber Firenze, einem Zentauren, der das Fach „Wahrsagen“ unterrichtet, nachdem Umbridge selbst Trelawney entlassen hat, zeigt sie offene Abscheu (Band 5, S. 702ff.).
Während sich Umbridge auf den ersten Blick viel auf Gesetze, Verordnungen und Erlasse beruft, zeigt sich recht schnell, dass sie diese nur respektiert, solange sie ihrem Willen dienen oder dahingehend veränderbar sind. So reagiert sie auf ein von Harry gegebenes Interview mit einem lächerlich wirkenden Verbot der Zeitschrift, in der es erschienen war (Band 5, S. 683). Um an Informationen zu gelangen missachtet sie jedoch klar Gesetze. Sie versucht Harry illegalerweise einen Wahrheitstrank zu verabreichen (Band 5, S. 739ff.) und ist sogar bereit ihn mit dem „unverzeihlichen“ Folterfluch zu belegen. Auf den Vorwurf, dass der Minister es nicht gutheißen würde, wenn sie das Gesetz bräche, reagiert sie mit den Worten „‘Was Cornelius nicht weiß, macht ihn nicht heiß‘“ (Band 5, S. 877) und gesteht zu diesem Zeitpunkt auch, dass sie ohne Erlaubnis im vorangegangenen Sommer Dementoren, die Wächter von „Askaban“, auf Harry gehetzt hatte. Damit macht sie mehr als deutlich, dass für sie manchmal „die Umstände die Mittel“ rechtfertigen würden (Band 5, S. 876).
Umbridge ist also wesentlich mehr als eine „Schreibtischtäterin“, obwohl sie sich die Bürokratie zu nutzen macht, zeigt sie immer wieder ihren Sadismus und ihre menschenverachtende Ideologie.

3. Charakterisierung Eichmanns und des NS Regimes
Um die Art und Weise der Diskriminierung von Jüdinnen im Nationalsozialismus verständlicher zu machen, muss man erst einen Blick auf die geschichtliche Entwicklung des Antisemitismus werfen.

3.1 Die Geschichte des Antisemitismus
Wann immer Jüdinnen in der Diaspora lebten waren sie mit Hass gegen sich konfrontiert. Bereits die biblischen Texte behandeln Hass und Vernichtungsdrohungen gegen das jüdische Volk. Dabei war der Hass „die Antwort der Völker auf den Erwählungsglauben Israels“. Mit der Entstehung des Christentums kam eine religiös begründete Jüdinnenfeindschaft auf. In der Auseinandersetzung mit dem eigenen Ursprung wand sich das Christentum vom Judentum ab, von dem Volk, dass nicht nur Jesus Christus nicht als den „Sohn Gottes“ als solchen anerkannt hatte, sondern ihn sogar hatte kreuzigen lassen.
Mit der Ausbreitung des Christentums und der sogenannten „christlich-abendländischen Kultur“ wurden Jüdinnen „zur Minderheit par excellence“ und immer mehr aus dem öffentlichen Leben verdrängt. Durch verschiedene Konzile und Synoden der Kirche wurde beispielsweise eine gesetzlich regulierte Trennung von Christinnen und Jüdinnen erwirkt. Beim IV. Laterankonzil 1217 wird die Kennzeichnung der Kleidung von Juden beschlossen, dies wird später auch von der staatlichen Gesetzgebung übernommen. Damit wird eine gesellschaftliche Isolierung eingeleitet, die im Spätmittelalter, in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts, bis zur Einrichtung von Ghettos weitergeführt wird.
Wurden Juden durch den Ausschluss aus den Zünften vom Handwerk ausgeschlossen, ihr Recht auf Grundbesitz bestritten und wurden sie im Fernhandel weitestgehend durch christliche Kaufleute ersetzt, blieb häufig nur die Pfandleihe und das Zinsgeschäft um sich eine Lebensgrundlage zu schaffen. Da der Zinshandel jedoch als „Wucher“ galt und deshalb auch Christen verboten war, entstand das Stereotyp der geldgierigen Jüdin, „die die Notlage ihrer christlichen Umwelt erbarmungslos ausnutze“.
Was mit Ausgrenzung begann mündete bereits im Jahre 1096 in die ersten Pogromwelle in Europa. Der erste Kreuzzug richtete sich gegen die „Feinde Christis“ und man stellte Jüdinnen vor die Wahl den christlichen Glauben durch Taufe anzunehmen oder zu sterben.
Ab ca. dem 12. Jahrhundert kamen neue Mythen auf, die ebenfalls wieder in Pogrome mündete. Den Jüdinnen wurde „Hostienfrevel“vorgeworfen, sowie Ritualmorde an Christinnen und Christen, dabei wurden sie häufig dämonisiert und es wurde ihnen Satansanbetung unterstellt.
Ebenso gab es bereits früh nichtklerikale Begründungen der Jüdinnenfeindschaft. So wurde Jüdinnen während der Pestepidemie im 14. Jahrhundert unterstellt für die Verbreitung der Pest durch die Vergiftung von Brunnen verantwortlich gewesen zu sein.

Durch „die Auflösung der ständisch verfaßten (sic!), zumeist absolutistisch regierten alteuropäischen Ordnung und die Ausbildung einer neuen bürgerlichen Gesellschaft“ entstand im 19. Jahrhundert eine völlig neue Ausgangslage, auch für Jüdinnen, sowie für diejenigen, die ihnen feindlich gegenüberstehen. Der Emanzipation der bürgerlichen Gesellschaft folgte bald die Frage nach einer Emanzipation der Jüdinnen. Jüdinnen waren seit dem 18. Jahrhundert immer mehr Teil eines bürgerlichen Mittelstandes geworden und waren durch weltliche Bildung ein Teil einer „deutschen Gesellschaft“ (im Sinne von deutschsprachig) geworden. Mit diesem Wandel stellte sich auch die Frage nach einer besseren Stellung der Jüdinnen in der modernen Gesellschaft. Dabei wurde diese Frage häufig auch als eine Lösung für eine Unangepasstheit und Andersartigkeit der Jüdinnen angesehen, so zum Beispiel von Christian Wilhelm Dohm in seinem Buch „Über die bürgerliche Verbesserung der Juden“ von 1781. Er sah die „Verdorbenheit der Juden“ als „eine notwendige und natürliche Folge der drückenden Verfassung (…) in der sie sich seit so vielen Jahrhunderten befinden“. Insgesamt sollten also die Jüdinnen nicht als eine religiöse-soziale Gruppe emanzipiert werden, sondern „als Individuen, die sich aus den spezifischen jüdischen Lebenszusammenhängen lösen würden“. Mit der Bildung des Deutschen Reiches wurde dann 1871 die bürgerliche Gleichstellung der Juden Gesetz.
Die neue gesellschaftliche Ordnung war auch eine wirtschaftliche. Der Kapitalismus zeigte seine negativen Auswirkungen und ausgehend von den altbekannten Vorurteilen wurden oftmals Jüdinnen mit diesen Auswirkungen in Verbindung gebracht. Das Krisenbewusstsein, das sich entwickelt hatte, artikulierte sich in einer antikapitalistischen Gesellschaftskritik, die dabei die wirtschaftlichen Entwicklungen mit der Liberalisierung und Emanzipation verband.
Anders als die alte Jüdinnenfeindschaft wandte sich diese neue Form weniger gegen die Religion, als vielmehr gegen das assimilierte und emanzipierte Judentum. Jüdinnen waren als Teil der Gesellschaft ein Problem, gerade auch durch ihren Wunsch nach Anerkennung als Deutsche.
Hinzu kam ein neue Form der „wissenschaftlichen“ Beschäftigung mit angeblichen „Rassen“. Hier wurde einer „arischen“ „Rasse“, eine „semitische“ „Rasse“ gegenüber gestellt. Dabei waren die „Arierinnen“, als Bezeichnung für eine indo-germanische Volksgruppe, den „Semitinnen“ biologisch überlegen. Als „Semitinnen“ wurden dabei nicht Angehörige der semitischen Sprachgruppe gesehen, sondern nur Jüdinnen, dies wird besonders deutlich, wenn man sich vor Augen führt, dass in den theoretischen Schriften der Zeit niemals von der „Semitenfrage“ die Rede war, sondern immer von „der Judenfrage“. Daraus folgend entstand ca. 1879 die Selbstbezeichnung „Antisemitinnen“, die mit dazu beitrug den Jüdinnenhass salonfähig zu machen.
Der entscheidende Unterschied zu allen bisherigen Formen war, und dies steht in direktem Zusammenhang mit der neuen Feindschaft gegen das emanzipierte, assimilierte Judentum, dass durch die biologistischen Erklärungsmuster nicht mehr die religiöse Zugehörigkeit zum Judentum verurteilt wurde, sondern man sich gegen einen angeblichen genetischen Defekt wandte, die Individuen wurden zum Problem, vollkommen unabhängig von ihrer Religion. Alexander Bein erklärt in seinem Aufsatz „Der moderne Antisemitismus“ weiterhin:
„Auch die Taufe ändert nichts an dieser Abneigung. Selbst wenn alle Juden zu den herrschenden Kirchen überträten, wie es die Liberalen wünschten, würde die Judenfrage nicht zu existieren aufhören. Im Gegenteil, Gefahr und Bedrohung für die Völker würden dadurch nur wachsen: ,,Gerade die getauften Juden sind diejenigen, die ohne Hindernisse am weitesten in alle Kanäle der Gesellschaft und des politischen Gemeinlebens eindringen.“
Gerade durch das Gewand der angeblichen Wissenschaft und durch drängende soziale Probleme, für die ein „Sündenbock“ gesucht wurde, schaffte es somit der neue Antisemitismus in seiner neuen, absoluten Radikalität in der breiten Gesellschaft anzukommen. Die folgende schrittweise Ausgrenzung und Entrechtung, Enteignung und Vertreibung sowie Vernichtung in der NS-Zeit war dabei nur die logische Konsequenz.
Die NSDAP nutzte diesen Antisemitismus und die damit verbundenen Existenzängste um sich eine breite Zustimmung der Bevölkerung zu sichern. Dies gipfelte in den Wahlsiegen der NSDAP (1932) und der anschließenden Ernennung Adolf Hitlers als Reichskanzler (30.1.1933). Die darauf folgende Reichstagsbrandverordnung (28.2.1933) und das Ermächtigungsgesetz (24.3.1933) schafften die gesetzliche Grundlage für die Herrschaft der Nationalsozialisten.
Schritt für Schritt nutzte man diese gesetzgebende Macht um den eigenen Antisemitismus zu einem staatlichen zu machen. Bereits ab 1933 wurde Jüdinnen der Zugang zu bestimmten Berufsfeldern verwehrt, sie wurden aus verschiedenen Feldern des öffentlichen Lebens, wie zum Beispiel Ehrenämtern, verdrängt. 1935 wurden ihnen mit dem „Reichsbürgergesetz“ schließlich die politischen Rechte aberkannt. Gleichzeitig wurden durch das „Blutschutzgesetz“ sogenannte „Mischehen“ zwischen Jüdinnen und Nicht-Jüdinnen verboten. Um zu beweisen, dass man nicht jüdisch war, musste man den sogenannten „Ariernachweis“ erbringen, den Beweis, dass bis zu den Großeltern kein „jüdisches Blut“ in der Familie existierte.
Als nächsten Wendepunkt muss man die „Reichspogromnacht“ (9./10.11.1938) nennen. Gebilligt von Hitlers Regierung kam es zu zahlreichen Übergriffen, auf jüdische Geschäfte, auf Synagogen, auf Wohnhäuser von Jüdinnen. Es wurden ca. 35 000 Juden verhaftet und in schon seit 1933 bestehende sogenannten „Konzentrationslagern“ inhaftiert.
Diese Konzentrationslager dienten der Zusammenpferchung, der Nutzung der Arbeitskraft der Gefangenen und schließlich auch in mehreren Lagern in den besetzten polnischen Gebieten der industriellen Massenvernichtung von sechs Millionen Jüdinnen.

Das System der Nationalsozialistinnen baute dabei vor allem auf der Zustimmung der breiten Masse auf. Wer Teil der „deutschen Volksgemeinschaft“ war, wurde eingebunden und mit Propaganda geködert. Widerstand war häufig kein Thema, man war nicht betroffen, litt selber nicht. Dennoch gab es auch aus der breiten Masse immer wieder vereinzelten Widerstand, mal offen und politisch, im Kampf gegen das faschistische System der Nazis, mal von militärischer Seite. Auch gab es immer wieder Menschen, die, auch unter Gefahr für sich selbst, versuchten Jüdinnen zu retten, ihnen Hilfestellung bei der Flucht zu leisten oder sie selbst versteckten. Genaue Zahlen sind hier nur schwer zu benennen, viel wurde nicht dokumentiert, oftmals scheiterten sie und Rettende sowie Hilfesuchende wurden ermordet. Wolfgang Benz spricht von 10 000 im Untergrund lebenden Jüdinnen. Jüdinnen selber haben ebenfalls Widerstand geleistet, als Partisaninnen, in Ghettos ebenso wie in den Lagern, aber auch ohne Waffen.

3.2 Adolf Eichmann
Als einer der bekanntesten Trägerinnen des Systems gilt Adolf Eichmann. 1934 begann seine Karriere beim Sicherheitsdienst-Hauptamt, er war dabei in der Abteilung „Gegnererforschung und -bekämpfung“ zunächst zuständig für die „Freimaurerei“, bis er nach fünf Monaten zur Arbeit über und gegen Jüdinnen wechselte. In der abteilungsinternen Untergliederung war er dabei für „Zionistinnen“ zuständig.
Die Nationalsozialistinnen nutzten dabei anfangs die zionistische Idee um einer Lösung der „Judenfrage“ näher zu kommen und forcierten dabei die Auswanderung von Jüdinnen. Dabei war Eichmanns Abteilung für das Erstellen von Informationsmaterial für interne Schulungen zuständig, sowie für den Kontakt und das Anwerben von V-Menschen. Nach dem „Anschluss“ Österreichs 1938 wurden Eichmann und ein Kollege nach Wien geschickt, um Dokumente bei jüdischen Organisationen und wichtigen Privatpersonen zu beschlagnahmen. Nach der Abreise seines Kollegen wurde dann schließlich Eichmann die Führung des Referats in Österreich übertragen, er überwachte und reorganisierte jüdische Organisationen und verhörte jüdische Inhaftierte.
Hier konnte Eichmann erstmals selber Initiative zeigen. Nachdem sich immer mehr Jüdinnen in Wien an die dortige Kultusgemeinde wendeten und um Hilfe zur Auswanderung baten, organisierte er auf Vorschlag der dortigen Funktionäre die „Zentralstelle für jüdische Auswanderung“. Laut Hans Safrian zeigte diese Arbeit Eichmanns „die vor allem der eigenen Karriere förderliche Vorgangsweise Eichmanns (…): (…) Eichmann hatte nichts ‚erfunden‘, sondern lediglich vorgefundene Anregungen aufgenommen und, vielleicht etwas modifiziert, höheren Stellen weitergereicht; intern gab er sie als sein Werk aus und protzte bald mit den Zahlen der Vertriebenen“. Tatsächlich wurde das „Wiener Modell“ schließlich auch im „Altreich“ übernommen und als eine weitere „Zentralstelle“ im „Protektorat“ Böhmen und Mähren eingerichtet werden sollte, wurde hierfür Eichmann beauftragt. In dieser Funktion organisierte er schließlich im Oktober 1939 die ersten Massendeportationen, unter dem Deckmantel einer „Aussiedelung“ wurden ca. 2500 Menschen nach Nisko (Polen) deportiert, bis das Projekt „wegen Widerstandes der damals russischen Partner gegen die Austreibungen, wegen Ansiedlungsplänen in Warthegau und Vorbereitung des Kriegs gegen Frankreich“ eingestellt wurde.
Trotz des Scheiterns des „Nisko-Plans“ wurde Eichmann bei der Gründung des „Reichssicherheitshauptamtes“, nach der Verschmelzung des Sicherheitsdienstes der SS mit der staatlichen Sicherheitspolizei, zum Leiter des Referats IV D 4 „Räumungsangelegenheiten“.
Nach dem Entschluss der Nationalsozialistinnen zur „Endlösung“ der „Judenfrage“ und zur industriellen Massenvernichtung und nach der Wannseekonferenz am 20.1.1942 erließ Eichmann „Richtlinien zur technischen Durchführung der Evakuierung von Juden in das Generalgouvernement“. Innerhalb seines Referats wurden die Deportationen vorbereitet, gerade auch aus den besetzten Ländern. Eichmann selbst war dazu in Verhandlungen mit den vor Ort eingesetzten „Judenräten“, die gezwungen waren innerhalb ihrer Gemeinden die Deportationen vorzubereiten.

Eichmann war als nicht besonders guter Schüler ohne Abschluss geblieben. Er war erst zwei Jahre in der Verkaufsabteilung der Oberösterreichischen Elektrobau AG untergekommen, ehe er durch die Beziehungen der Verwandten seiner Stiefmutter 1927 an eine Anstellung bei der Vacuum Oil Company AG kam. Dass dieser Verwandte Jude war, war für ihn immer ein Argument um zu erklären, warum er kein Antisemit geworden wäre. 1932 trat Eichmann schließlich in die österreichische NSDAP und in die SS ein. Hannah Arendt erklärt in ihrer Charakterisierung Eichmanns, dass dieser „sich immer schon, lange vor seinem Eintritt in die NSDAP und SS, nur in Bünden oder Vereinen wohl gefühlt“ hatte. Weiterhin erklärt sie: „Aus einer bedeutungs- und sinnlosen Allerweltsexistenz hatte ihn der Wind der Zeit ins Zentrum der ‚Geschichte‘ geweht, wie er es verstand, nämlich in die ‚Bewegung‘, die niemals stillstand und in der jemand wie er – eine gescheiterte Existenz in den Augen der Gesellschaft, seiner Familie und deshalb auch in seinen Augen – noch einmal von vorne anfangen und schließlich es doch noch zu etwas bringen konnte“.
Während der gesamten Zeit im Dienste des Regimes war Eichmann dabei immer ein „gesetzestreuer Bürger“ gewesen. Er folgte seinen Befehlen in vorauseilendem Gehorsam, ohne Rücksicht auf Verluste. Laut Arendt ließ Eichmann selbst „keinen Zweifel daran aufkommen, daß (sic!) er seinen eigenen Vater getötet hätte, wenn es ihm befohlen worden wäre“. Dabei war jedoch Befehl eben nicht nur Befehl – in der Endphase des Reiches, als Himmler die „Endlösung“ für beendet erklärte und die „Evakuierung“ der ungarischen Jüdinnen abbrechen wollte, widersprach Eichmann und wollte um eine Bestätigung der Befehle durch Hitler bitten. Für ihn war Hitlers Wort Gesetz und dieses galt es zu befolgen, dabei war egal, wie diese Befehle lauteten, auch im Nachhinein. Hannah Arendt zitiert Eichmann dazu mit der Aussage „‘Reue ist etwas für kleine Kinder.‘ (sic!)“.

4. Vergleich
Vor einem Vergleich der beiden Charaktere Umbridge und Eichmann, steht zunächst die Frage, inwieweit die Ideologien, auf denen die Systeme der Diskriminierung jeweils beruhen, vergleichbar sind.

4.1 Die Ideologien
Betrachtet man das System Antisemitismus, so stellt man fest, dass der Antisemitismus mit einer unterkomplexen Gesellschaftskritik verwoben ist, mit einer „Sündenbock“-Mentalität und einem unweigerlich radikalen, unvermeidbaren Endergebnis, der Gipfelung in der Katastrophe. Wer dabei Antisemitismus auf eine Form der rassistischen Diskriminierung herunter bricht, wird diesem nicht gerecht, handelt es sich doch bei Antisemitismus um ein allumfassendes Welterklärungsmodell. Der Hass der Todesserinnen auf Muggel und Muggelgeborene hingegen, beruht rein auf rassistischen Vorurteilen. Dennoch merkt man stark den von Rowling gewollten Versuch der Anlehnung. Gerade im Vokabular lassen sich Ähnlichkeiten feststellen. So erinnert der Gebrauch von Worten wie „Säuberung“, wenn es um die Ermordung muggelgeborener Hogwartsschülerinnen geht genauso an NS-Terminologie, wie etwa die Abstufung vom „Reinblut“ zum „Halbblut“ zum „Schlammblut“ an die rassistischen Unterteilungen der Nationalsozialistinnen der Jüdinnen durch die Nürnberger Gesetze erinnert. Ebenso ähnelt sich die Herabstufung von Muggeln als tierähnlich, die es jedoch gleichzeitig geschafft haben, die ihnen angeblich überlegenen Hexen „in den Untergrund“ zu treiben.
Die vom Ministerium herausgegebene Broschüre mit dem zerstörerischen Unkraut und die Argumentation des „Diebstahls“ von Magie sind vereinzelte Beispiele dafür, wie der Hass auf Muggelgeborene tatsächlich auch antisemitische Züge erhält. Hierbei weicht Rowling von der sonst rein rassistisch begründeten Verfolgung ab und beschreibt die Diskriminierungsform ebenfalls als Teil eines komplexen Erklärungsmusters. Die meiste Zeit jedoch, folgt die Argumentation eher der eines Rassismus, als der von Antisemitismus.
Trotzdem ähnelt gerade auch die staatliche Verfolgung in den Büchern sehr der Verfolgung im NS-Staat, zumindest bis zu einem gewissen Punkt. Der Zwang sich registrieren zu lassen, aufgrund seines „Blutstatus“, sowie die Einflussnahme auf die Bevölkerung durch einerseits mediale Propaganda und andererseits durch die Einmischung in die schulische Bildung findet sich sowohl bei Harry Potter, als auch im NS-Staat. Die Grenze dieser Ähnlichkeiten ist dabei jedoch klar. Werden zwar Muggelgeborene verhaftet und nach Askaban gebracht, handelt es sich hierbei doch um ein Gefängnis. Auch wenn Rowling immer wieder deutlich macht, dass die Bedingungen in Askaban häufig dazu führten, dass die Insassinnen psychisch zusammenbrachen, und es aufgrund dessen zu Todesfällen kam, wurden die Gefangenen weder dazu gezwungen, sich zu Tode zu arbeiten, noch wurden sie industriell vernichtet. Dabei ist jedoch auch der zeitliche Rahmen zu bedenken. Das Regime unter Voldemort wurde innerhalb eines Jahres gestürzt, hier ist also ein tatsächlicher Vergleich kaum möglich, da Rowling die Lesenden über Voldemorts endgültige Pläne im Unklaren lässt. Ob Voldemort und seine Anhängerinnen eine komplette Vernichtung aller Muggel und Muggelgeborenen anstrebten, oder sich mit einer allumfassenden Unterdrückung und Entrechtung, mit einem bewussten Ausliefern dieser Menschen an die Willkür der herrschenden „Reinblüterinnen“ zufrieden gegeben hätten, bleibt unklar.
Ein weiterer Vergleichspunkt ist der Widerstand der Gesellschaft. In beiden Systemen haben Menschen, die sich gegen die Diskriminierung wehren oder gegen das Regime und das diesem Regime zugrundeliegende Gedankengut kämpfen mit Verfolgung zu rechnen. Diese Verfolgung findet öffentlich statt, um zukünftigen Widerstand zu verhindern und die Verfolgten werden durch Propaganda diskreditiert. Der Unterschied ist jedoch, dass in der Harry-Potter-Welt die Widerstandsbewegung nicht nur mit Dumbledore und Harry zwei bekannte, einende Führungsfiguren hat und durch eine ausgeprägte Organisationsstruktur aktiver und geschlossener auftreten kann und letztendlich auch, dass sie erfolgreich ist. Dabei spielen schlussendlich auch gerade die als minderwertig herabgestuften magischen Geschöpfe und Muggelgeborene eine entscheidende Rolle, die aktiver Teil des Widerstandes sind.
Dies steht in mehr als einer Hinsicht im Gegensatz zur nationalsozialistischen Gesellschaft, in der das System durch die Mehrheit der Gesellschaft getragen wurde und die Diktatur und das Lagersystem erst durch die Alliierten beendet werden konnte, sich jedoch innerhalb des deutschen Reiches kein erfolgreicher, gemeinsamer, gesamtgesellschaftlich organisierter Widerstand durchsetzen konnte. Auch die perfide Taktik der Nationalsozialistinnen die Opfer selbst in ihr Verfolgungs- und Vernichtungssystem einzubinden, sei es in den „Judenräten“, als „Funktionshäftlinge“ oder in den „Sonderkommandos“, wird von Rowling nicht aufgenommen.

4.2 Rädchen im System?
Wendet man sich dem Charakter Umbridge und der Person Eichmann zu und betrachtet ihren Werdegang, so findet man auch hier Ähnlichkeiten und Unterschiede.
Ihre tatsächliche Arbeit im Rahmen ihrer Möglichkeiten des diktatorischen Staats versuchen sie in vorauseilendem Gehorsam zu erfüllen. Umbridge hat dabei einen größeren Spielraum, so entscheidet sie selbst willkürlich, wer verurteilt und dann in Askaban inhaftiert wird. Eichmann übernimmt hingegen eine insgesamt mehr organisatorische Aufgabe, ohne selbst Urteile zu sprechen, sondern indem er die Infrastruktur für die Vollstreckung von Urteilen zur Verfügung stellte. Doch auch er ist bemüht seine Aufgabe gut zu erfüllen und die Erwartungen in ihn sogar zu übertreffen, wie zum Beispiel bei der beschriebenen Aneignung der Idee der „Zentralsstelle für jüdische Auswanderung“ in Wien.
Dieser vorauseilende Gehorsam und der Wunsch nach beruflicher Anerkennung und Außenwahrnehmung hilft sowohl Eichmann, als auch Umbridge sich als Teil des jeweiligen Systems zu etablieren. Während Umbridge keine Todesserin ist, war Eichmann bereits ab 1932 Mitglied der SS und NSDAP. Dennoch scheint Umbridge insgesamt charakterlich besser in ein System der staatlichen Willkür und Verfolgung zu passen, als Eichmann. Dies wird besonders deutlich, wenn man Eichmanns Abscheu vor direkter Gewalt betrachtet, im Gegensatz zu Umbridges deutlich dargestelltem Sadismus.
Diese unterschiedlichen, charakterlichen Voraussetzungen zeigen sich auch in dem fehlenden leidenschaftlichen Hass Eichmanns auf Jüdinnen im Gegensatz zu Umbridges Hass auf Muggel und magische Geschöpfe. Umbridges Abgrenzung beginnt schon auf persönlicher Ebene innerhalb ihrer Familie, während sich Eichmann erst über seine Arbeit mit Jüdinnen beschäftigte und dabei explizit mit dem Zionismus, den er als natürlichen Verbündeten ansah beim Versuch das deutsche Reich „judenfrei“ zu bekommen. Er behauptet von sich selber nichts gegen Jüdinnen zu haben, aber erfüllt dennoch seine systemische Rolle bei der Ermordung von Millionen.
Während Eichmann sich also dem System anpasst, kann Umbridge im System aufgehen. Ihre sadistische Art macht sie zur Täterin, die das bestehende bürokratische System nutzt und über dessen Grenzen hinaus willkürlich ihren Charakter auslebt.

5. Fazit
Auch wenn man die bewusste Anlehnung, die J. K. Rowling vorgenommen hat, in Details wiederfinden kann, kann das in Harry Potter dargestellte System nicht als eine Allegorie auf den Nationalsozialismus aufgefasst werden, ebenso wenig, wie Umbridge und Eichmann als fiktive und reale Gegenstücke zueinander gelesen werden können.
Rowlings konkrete Intentionen bleiben zwar unklar, aber dennoch sollte deutlich geworden sein, dass in einem immerhin als Kinderbuch gedachten literarisch-fantastischen Werk kein solch umfassendes Welterklärungsmodell geschaffen werden kann, wie es der Antisemitismus ist. Im Gegenteil, würde die Ideologie Voldemorts und seiner Todesserinnen tatsächlich herangezogen werden, um den realen Antisemitismus zu verstehen, wäre ein falsches Verständnis unausweichlich. Auch sind insbesondere Fantasyromane auf die erlösende und schlussendlich erfolgreiche Rolle der Heldinnen angewiesen, etwas, was die Realität nie in diesem Maße bieten kann.
Dennoch ist der Vergleich insbesondere von Umbridge und Eichmann dahingehend so interessant, dass beide in ihren unterdrückerischen Systemen die persönliche Erfüllung finden, trotz ihrer charakterlichen Unterschiede. So schließt sich wieder der Kreis zu Hannah Arendt und ihrer Theorie der „Banalität des Bösen“, die sich auch in dieser Analyse wiederfinden kann: „beunruhigend“ ist, dass ein menschengemachtes System entstehen konnte, in dem sich Sadistinnen und „normale“ Menschen, Nicht-Monster wie Eichmann, zusammenschlossen um Ideologie, Herrschaftsanspruch und die eigene imaginierte Überlegenheit durchzusetzen, egal mit welchen Mitteln.

6. Literatur- und Quellenverzeichnis:
Quellen:
Rowling, J. K.: Harry Potter und der Stein der Weisen, Carlsen Verlag, Hamburg 1998.
Rowling, J. K.: Harry Potter und die Kammer des Schreckens, Carlsen Verlag, Hamburg 1999.
Rowling, J. K.: Harry Potter und der Gefangene von Askaban, Carlsen Verlag, Hamburg 1999.
Rowling, J. K.: Harry Potter und der Feuerkelch, Carlsen Verlag, Hamburg 2000.
Rowling, J. K.: Harry Potter und der Orden des Phönix, Carlsen Verlag, Hamburg 2003.
Rowling, J. K.: Harry Potter und der Halbblutprinz, Carlsen Verlag, Hamburg 2005.
Rowling, J. K.: Harry Potter und die Heiligtümer des Todes, Carlsen Verlag, Hamburg 2007.

Literatur:
Adorno, Theodor W.: Was bedeutet: Aufarbeitung der Vergangenheit, Frankfurt a.M. 1959.
Aleff, Eberhard: Das Dritte Reich, Fackelträger-Verlag, Hannover 1970.
Arendt, Hannah: Eichmann in Jerusalem – Ein Bericht von der Banalität des Bösen, Piper Verlag, München1964.
Bein, Alexander: Der moderne Antisemitismus und seine Bedeutung für die Judenfrage, Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte, 6. Jahrg., 4. H. (Okt., 1958).
Benz, Wolfgang/Bergmann, Werner (Hrsg.): Vorurteil und Völkermord – Entwicklungslinien des Antisemitismus, Verlag Herder, Freiburg im Breisgau 1997.
Brenner, Michael: Geschichte des Zionismus, Verlag C.H. Beck oHG, München 2002.
Dohm, Christian Wilhelm von: Über die bürgerliche Verbesserung der Juden, Berlin 1781.
Ginzel, Günther B. (Hrsg.): Antisemitismus – Erscheinungsformen der Judenfeindschaft gestern und heute, Verlag Wissenschaft und Politik, Bielefeld 1991.
Herzl, Theodor: Der Judenstaat, Jüdischer Verlag, Berlin 1920.
Rosenkranz, Herbert: Verfolgung und Selbstbehauptung, Herold Verlag, Wien 1978.
Rürup, Reinhard: Emanzipation und Antisemitismus, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1975.
Safrian, Hans: Die Eichmann-Männer, Europa Verlag, Wien 1993.
Smelser, Ronald/Syring, Enrico (Hrsg.): Die SS: Elite unter dem Totenkopf, Ferdinand Schöningh, Paderborn 2000.
Strauss, Herbert/Kampe Norbert (Hrsg.): Antisemitismus – Von der Judenfeindschaft zum Holocaust, Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn 1984.
Zimmermann, Moshe: Deutsch-jüdische Vergangenheit: Der Judenhaß als Herausforderung, Verlag Ferdinand Schöningh, Paderborn 2005.

Internet:
Benz, Wolfgang: Verweigerung im Alltag und Widerstand im Krieg, 2005. [Zugriff am 25.02.2018]
Dossier: Shoah und Antisemitismus, 2005. [Zugriff am 25.02.2018]
König, Julia: Judenfeindschaft von der Antike bis zur Neuzeit, 2006. [Zugriff am 25.02.2018]
Leszkiewicz, Anna: The Harry Potter generation: why The Boy Who Lived lives on, 30. Juni 2017. [Zugriff am 25.02.2018]
Löw, Andrea: Widerstand und Selbstbehauptung von Juden im Nationalsozialismus, 2014. [21.01.2018]
Pottermore: Dolores Umbridge – By J.K. Rowling. [Zugriff am 25.02.2018]
The Leaky Cauldron: J. K. Rowling at Carnegie Hall Reveals Dumbledore is Gay; Neville Marries Hannah Abbott, and Much More, 20.10.2007. [Zugriff am 25.02.2018]
Yad Vashem: Über die Gerechten. [Zugriff am 25.02.2018]

#EineArmlänge – Eine Presseschau

Was mit zahlreichen Übergriffen auf Frauen an Silvester in Köln begonnen hatte, schaukelte sich schnell zu einer grundsätzlicheren Debatte um den Umgang mit sexualisierten Angriffen hoch. Die Kölner Oberbürgermeisterin Henriette Reker empfahl in einer Pressekonferenz auf Nachfrage und sichtlich überfordert, dass es für Frauen eine Möglichkeit wäre „eine gewisse Distanz zu halten, die mehr als eine Armlänge betrifft“.
Der Absurdität dieser Aussage angemessen entwickelte sich auf Twitter schnell der Hashtag #EineArmlänge unter dem zahlreiche Frauen ihrer Wut Luft machten, dass in der gesellschaftlichen Debatte in der Regel erwartet wird, dass sie sich vor Übergriffen schützen, nicht dass Täter nicht übergriffig werden. Dabei stehen Reker und ihre vorgeschlagenen Maßnahmen (u.a. z.B. auch, dass Frauen sich nur in Gruppen bewegen sollen) nur symptomatisch für ein Phänomen unserer Gesellschaft, das sich unter dem Begriff „victim blaming“ fassen lässt. Die Schuld wird bei den Opfern gesucht, eine Frau ist selber schuld, sei es nun, weil ihr Rock zu kurz und damit zu einladend war, weil sie doch schon mit dem Täter geflirtet hatte oder eben, weil sie nicht gut genug auf die Armlänge Abstand geachtet hatte. Dass die meisten sexuellen Übergriffe in Beziehungen passieren, wird bei solchen Argumentationsmustern zusätzlich unterschlagen.
Spätestens seit #Aufschrei sind trendende Twitter-Hashtags auch relevant genug für Medien außerhalb des Netzwerks und mittlerweile kann man online in fast jeder Zeitung über #EineArmlänge lesen. Ein bisschen was zum Hintergrund und der ausschlaggebenden Pressekonferenz, dann wird, damit auch Nicht-Twitterer mitkriegen was da passiert, das ganze noch mit unterschiedlichen Tweets illustriert und fertig ist der Artikel. Traurigerweise scheint dabei den meisten Journalist*innen nicht aufzufallen, wie sehr sie die Strukturen, die auch mit #EineArmlänge kritisiert werden, wieder reproduzieren.

Einige Beispiele für die Frauenquote* bei den ausgesuchten Tweets in ein paar willkürlich herausgepickten Artikeln:
Bento: 8 von 18
Spiegel Online: 2 von 5
Hamburger MoPo: 2 von 8
Berliner Zeitung: 2 von 9
Berliner Kurier: 2 von 12
Zeit: 0 von 2
Die Welt: 0 von 5

Wie man auf die Idee kommt, dass es ausgerechnet beim Thema sexuelle Übergriffe sinnvoll ist, die Meinung von Männern zu präsentieren, ist mir schleierhaft. So sollte man doch meinen, dass gerade die mehrheitlich Betroffenen von sexueller Gewalt im Internet und auf Twitter im Zusammenhang mit einem Hashtag die Chance hätten gehört zu werden. Leider zeigen sich hier die patriarchalen Strukturen unserer Gesellschaft mehr als deutlich – und als Aushängeschilder für einen Hashtag werden Menschen gewählt, die in der Regel nicht selbst von dem angekreideten Problem betroffen sind.
Eine besondere Erwähnung hat sich übrigens der Stern verdient: in ihrem Artikel zu #EineArmlänge zitieren sie nicht nur bei 11 Tweets keine einzige Frau, was ja an sich bei diesem Hashtag eine Leistung ist – der Artikel liest sich auch noch so, als würde der Hashtag auf Jan Böhmermann zurückgehen. Dass #EineArmlänge bereits eineinhalb Stunden prima ohne Böhmermann lief, bevor der sich einschaltete, getragen von einer ganzen Menge Frauen, scheint da wohl irrelevant zu sein. Ausgerechnet Böhmermann als feministischen Kämpfer zu präsentieren, ist nach zahlreichen sexistischen Ausfällen von seiner Seite (einige Beispiele sind hier mit aufgeführt) besonders widerlich.

Nun werden mir natürlich alle erklären wollen, dass Tweets für Artikel natürlich nach Reichweite und Popularität ausgewählt werden. Das mag einen Heiko Maas Tweet, einen Sascha Lobo Tweet erklären, ja. Eine ausreichende Begründung für Zahlen wie 0 von 11 ist das aber wohl definitiv nicht. Damit ihr, liebe Journalist*innen, die ihr noch über den Hashtag schreiben wollt, euch nicht mal die Mühe machen müsst, habe ich selber ein paar Tweets gesammelt, die sich hervorragend eignen sollten, dabei habe ich verschiedene Kriterien mit einfließen lassen, z.B. haben die meisten dieser Nutzerinnen über 2500 Follower oder Tweets mit mehr als 100 Retweets und/oder Favs:

Es gibt also keine Ausreden.

Und liebe feministischen Männer, die ihr da diesen Hashtag mitgefüllt habt, vielleicht lasst ihr euch das hier ja nochmal durch den Kopf gehen:

*Meine Rechnung ist natürlich schwierig, weil ich bei Nutzern, die ich nicht aufgrund ihres Namens oder Fotos innerhalb des binären Geschlechtersystems als „Frau“ zuordnen konnte, nicht mitgezählt habe. Da jedoch die Journalist*innen wohl ebenso maximal dieses Wissen haben dürften, spielt das für meine Kritik keine weitere Rolle.

JK Rowling und die Gefangenen von Israel?*

Im Februar 2015 unterzeichneten rund 700 britische Künstler*innen in einem offenen Brief, dass sie den Nahostkonflikt lösen wollen, indem sie Israel boykottieren. Damit reihen sie sich ein in eine Bewegung, die sich BDS nennt – Boycott, Divestment and Sanctions. Mit ihrem Boykott wollen sie Israel dazu zwingen das „internationale Recht“ zu respektieren und die „kolonialistische Unterdrückung der Palästinenser“ zu beenden. Zum Vorbild genommen haben sie sich dafür Musiker*innen, die einen solchen kulturellen Boykott während der südafrikanischen Apartheid durchführten.
Vergangenen Donnerstag erschien nun ein weiterer offener Brief im Guardian. In diesem erklären rund 150 britische Autor*innen und Künstler*innen, warum sie einen Boykott Israels für falsch halten. Mit dabei: the one and only JK Rowling! Sie gab auch an diesem Montag ein zusätzliches Statement via Twitter heraus, indem sie noch einmal erklärt, warum sie kulturellen Boykott ablehnt. Dabei betont sie einerseits, dass die Falschen von einem Boykott betroffen wären, also nicht die Regierung, sondern die Bevölkerung, und andererseits sieht sie speziell in Kunst und Kultur eine „Kraft für das Gute“, die der Konflikt nötig hätte. Einen Boykott hält sie dagegen für „spalterisch, diskriminierend und kontraproduktiv“.
Man möchte meinen, dass das noch eine sehr zurückhaltende Erklärung ist, ich persönlich hätte mir den Antisemitismus dieser Boykott-Kampagne sehr viel konkreter benannt gewünscht, das Internet sieht das jedoch anders:

Es wird munter mit Vorwürfen herumgeworfen und, dass dabei die Bezeichnung von JKR als Zionistin als Beleidigung genutzt wird, ist noch einigermaßen nett.
Standardmäßig kennt man ja zu diesem Thema die Fraktion der Apartheid- und Ethnische Säuberung-Schreier*innen:

Warum Israel kein Apartheidsstaat ist, kann man übrigens zum Beispiel hier erfahren.

Doch warum die Autorin, neben ihrem scheinbaren Unwissen, so etwas wie diesen Brief unterstützt, haben die findigen Boykott-Liebhaber*innen von „The Electronic Intifada“ (ganz klar Friedenssuchende!) auch schon entdeckt:

Sie ist finanziell von den Juden abhängig! Also über ihren Agenten, dem sein Projekt angeblich von einer Bank gesponsort wird, die auch Siedlungen im Westjordanland finanziert. Wahlweise geht es ihr auch einfach nur um die eigenen Bücherverkäufe. Man möchte am liebsten direkt die Pappmaché-Krake aus dem Keller holen und gegen das jüdische (oder zionistische? Ach egal!) Kapital auf die Straße gehen!
Wie absurd es ist, einer Frau vorzuwerfen aus Geldgierigkeit zu handeln, die von dem Status der Milliardärin zur Millionärin abgestuft wurde, weil sie so viel gespendet hat, ist dabei natürlich egal.

Leider geht es auch noch weiter:

Es ist bekannt, dass JKR die Ideologie der Todesser teilweise an die der Nazis anlehnen wollte. Auch bekannt ist, wie gerne Antisemit*innen sich einer Täter*innen-Opfer-Umkehr bedienen und damit die Shoa zum Argument gegen den Staat Israel machen wollen.
Es kommt also wie es wohl kommen muss in einer guten Internet- und in jeder schlechten Nahostdebatte: der Nazivergleich.

Mal subtiler:

Und in einem langen, ausführlichen Brief auf Facebook, der fast fünftausend Mal geteilt wurde, dann auch ganz direkt:

Bisher hat JKR sich zu all diesen Anfeindungen, bis auf ihre zusätzliche persönliche Erklärung, zurückgehalten. Dabei hat sie in der Auseinandersetzung mit Antisemit*innen schon Erfahrung gesammelt. Im August retweetete sie einen Artikel über den Antisemitismus von Jeremy Corbyn, der mittlerweile neuer Chef der Labour Party ist, und durfte sich auch schon damals an den Reaktionen erfreuen und reagierte souverän:

JKRs erneutes Eintreten gegen Antisemitismus, auch wenn sie es diesmal nicht so deutlich benennen mag, macht jedenfalls mich als Harry Potter Fan sehr glücklich und ich hoffe sehr, dass die Reaktionen sie eher bestärken in Zukunft noch lauter und entschiedener zu kämpfen.
Ich bin mir jedenfalls sicher, dass Dumbledores Army eine israelsolidarische Antifa gewesen wäre, konsequent und immer gegen Ungerechtigkeit, Diskriminierung und krude Ideologien.
Thank you, Jo, dafür verzeihe ich dir fast schon ein oder zwei der Toten!

___________________________________________________________
* Den Titel habe ich gewissermaßen geklaut. Leider waren die Antisemit*innen mal ganz witzig.

„Es geht allein ums Gewinnen!“

Letzten Sommer, als im Schatten des nationalistischen Freudentaumels der WM mal wieder von allen Seiten verkündet wurde, wie ungefährlich doch das bisschen Fahneschwenken wäre, und dass man schließlich nur gemeinsam feiert, allen Nationen zusammen, hatte ich plötzlich Ron Weasleys Stimme im Kopf, der Hermine anschreit und erklärt:

»Nein, Blödsinn! Es geht allein ums Gewinnen!« (S. 442)

In einem Essay für ein Uniseminar durfte ich nun darstellen, inwiefern sich die „Party-Patriotismus“-Debatte im Konflikt um das Trimagische Turnier im vierten Teil von Harry Potter wiederfindet, hier veröffentliche ich jetzt einen Teil davon, gekürzt und stellenweise umformuliert.
Nicht behandeln werde ich die andere „Patriotismus“-Debatte in Harry Potter. Die Rivalität zwischen den vier Schulhäusern in Hogwarts kann auch mit einer Form des „Patriotismus“ verglichen werden, jedoch soll es hier um die positive Identifikation mit einem größeren Kollektiv, der Schule, gehen. Im vierten Band tritt für diese positive Identifikation mit der gesamten Schule der Kampf zwischen den Schulhäusern in den Hintergrund, der reguläre Quidditch-Betrieb entfällt, zugunsten des „Trimagischen Turniers“, ähnlich der grausamen Länderspielpausen der Bundesliga. Dabei steht dieses Schulkollektiv stellvertretend für ein Nationenkollektiv. Das von Rowling gedachte Kollektiv ist dabei jedoch eines, dass auf gemeinsamen Werten, beziehungsweise der gleichen Schulangehörigkeit beruht. Diese ist rein theoretisch auch wechselbar. Im Gegensatz dazu steht die Vorstellung eines „deutschen“ Kollektiv, die Volksgemeinschaft, der man nach Geburt angehört oder nicht.

Rowling führt neben der britischen Schule „Hogwarts“ noch die französischsprachige Schule „Beauxbaton“ und „Durmstrang“ ein, das „irgendwo im hohen Norden“ (S. 175) vermutet wird. Verbunden mit diesen beiden nicht-britischen Kollektiven werden bestimmte Stereotype, wie zum Beispiel bestimme Speisen und Akzente, und auch Vorurteile:

»Also denkt er, Durmstrang hätte besser zu ihm gepasst«, sagte sie (Hermine, Anm. d. Verf.) wütend. (…) »Durmstrang ist auch eine Zaubererschule?«, fragte Harry. »Ja«, sagte Hermine naserümpfend, »und sie hat einen fürchterlichen Ruf. Dem Handbuch der europäischen Magierausbildung zufolge legen sie dort großen Wert auf die dunklen Künste.« (S. 174)

Weiterhin erklärt Hermine:

»Es gibt seit jeher viel Rivalität zwischen den Zaubererschulen. Durmstrang und Beauxbatons ziehen es vor, sich zu verbergen, damit niemand ihre Geheimnisse stehlen kann«, sagte Hermine, als sei dies das Natürlichste von der Welt. (S. 175)

Dass Hermine, die selbst erst drei Jahre zuvor von der Hexen- und Zaubererwelt erfahren hatte, hier eine angebliche „Natürlichkeit“ der Feindschaft zwischen den Schulen betont, erscheint skurril, zeugt jedoch auch von einem gewissen Integrationsmoment, der in der Identifikation mit einem Kollektiv stecken kann, um gesellschaftliche Schichten zu verbinden.

Der zentrale Handlungsstrang dreht sich nun um das Trimagische Turnier:

»Das Trimagische Turnier fand erstmals vor etwa siebenhundert Jahren statt, als freundschaftlicher Wettstreit zwischen den drei größten europäischen Zaubererschulen – Hogwarts, Beauxbatons und Durmstrang. Jede Schule wählte einen Champion aus, der sie vertrat, und diese drei mussten im Wettbewerb drei magische Aufgaben lösen. Die Schulen wechselten sich alle fünf Jahre als Gastgeber des Turniers ab, und alle fanden, dies sei der beste Weg, persönliche Bande zwischen jungen Hexen und Magiern verschiedener Länder zu knüpfen.« (S. 196f.)

Die gewünschte Einstellung der Schüler*innen zu diesem Turnier macht Albus Dumbledore, der Schulleiter, dabei in seiner Rede am Anfang des Schuljahres deutlich:

»Ich weiß, dass ihr unsere ausländischen Gäste mit größter Herzlichkeit empfangen und den Hogwarts-Champion mit Leib und Seele unterstützen werdet.« (S. 198f.)

Dumbledore fordert also von seinen Schüler*innen einen „fröhlichen Patriotismus“ ein, bei dem „die Welt zu Gast bei Freunden“ ist, also eine Abgrenzung nur über den positiven Bezug auf die eigene Gruppe, ohne Abwertung der anderen.

Der Höhepunkt der Debatte findet schließlich am „Weihnachtsball“ statt. Hermine Granger hat sich mit dem Champion aus Durmstrang, Viktor Krum, verabredet und damit die Eifersucht von Ron geweckt, was zu einer Diskussion über den eigentlichen Sinn des Turniers führt:

»Er ist aus Durmstrang!«, zischte Ron. »Er kämpft gegen Harry! Gegen Hogwarts! Du – du – « Ron suchte offenbar nach Worten, die stark genug waren für Hermines Verbrechen, »du verbrüderst dich mit dem Feind, das ist es!« (…) »Ich würde ihm nie und nimmer helfen, das Eierrätsel zu lösen!“, sagte Hermine empört. »Niemals. Wie kannst du nur so etwas sagen – ich will, dass Harry das Turnier gewinnt. Das weißt du doch, Harry, oder?« »Komische Art, das zu zeigen«, höhnte Ron. »Der Sinn dieses ganzen Turniers soll es doch sein, Zauberer aus anderen Ländern kennen zu lernen und Freundschaften zu schließen!«, sagte Hermine schrill. »Nein, Blödsinn!«, rief Ron. »Es geht allein ums Gewinnen!« (S.441f.)

Auch Rons großer Bruder Percy kommentiert auf dem Weihnachtsball das darauffolgende Zusammentreffen von Ron und Krum:

»Hast dich mit Viktor Krum angefreundet, Ron?« Percy war herbeigewuselt, rieb sich die Hände und machte eine ungemein wichtige Miene. »Ganz exzellent! Genau darum geht es nämlich – internationale magische Zusammenarbeit!« (S. 443)

Die unterschiedlichen Standpunkte treffen hier aufeinander. Auf der einen Seite wird von Hermine und Percy die Turniersituation, ganz im Sinne von Dumbledore und seinem Wunsch nach einem „fröhlichen Patriotismus“, als Möglichkeit der internationalen Verständigung interpretiert und propagiert.
Auf der anderen Seite steht Ron, der dies als Scheinargument enttarnt, das die Konkurrenzsituation und die daraus folgende positive Selbstbestätigung über das eigene Kollektiv verschleiert. Dabei sieht Ron diese Identifikation mit, und Selbstbestätigung über das Kollektiv „Hogwarts“ nicht als etwas schlechtes, im Gegenteil. Er nimmt eine Rolle ein, in der er Hermine „Verrat“ an ihrem eigenen Kollektiv vorwirft, ähnlich des „Verrats“ derjenigen, die keinen Bock auf Fahnenmeer und Fanmeile haben am Kollektiv der Bundesrepublik.
Während die einen keine Nationalfarben tragen wollen, hat sich Hermine entschieden Krum anstelle von Ron zum Weihnachtsball zu begleiten. Hermine wird von Rita Kimmkorn im Tagespropheten öffentlich an den Pranger gestellt für ein angebliches zu ausschweifendes Liebesleben, inklusive anschließender Hate-Eulen von den eifrigen Leser*innen – und wer gegen Deutschland bei der WM ist oder einen „antideutschen“ Tweet abschickt, bekommt Hasskommentare und Morddrohungen. Das Kollektiv bestraft die Abweichler*innen.

Im Interview mit „The European“ erklärte Dagmar Schediwy:

Der Partypatriotismus ist eine Form des Nationalismus. Das konnte man bei der diesjährigen Fußball-WM zum Beispiel gut am „Gaucho-Gate“ sehen. Bei früheren Fußballevents an Übergriffen gegen Einrichtungen der jeweiligen Nation, die Deutschland aus dem Turnier katapultierte. Das war kein heiterer, aufgeklärter Patriotismus. Spricht man diese Dinge an, werden sie mit Verweis auf Fußballbräuche relativiert. Das Wir-gegen-die-anderen-Schema wird beim internationalen Fußballevent institutionalisiert.

Dieses Wir-gegen-die-anderen-Schema findet man auch beim Trimagischen Turnier institutionalisiert, die Debatte ähnelt sich erstaunlich.
Für die Bewertung des Schemas durch die Lesenden ist nun auch die Wertung der Autorin entscheidend. Joanne K. Rowling fühlt sich selber „Schottland vollkommen zugehörig“ und ist gleichzeitig bekannt für ihr politisches und gesellschaftliches Engagement. Besonders seit dem sie 2009 auf Twitter aktiv geworden ist, nutzt sie ihre Reichweite von 5,6 Millionen Followern um auf soziale Misstände hinzuweisen und für politische Arbeit gegen Diskriminierung. In der Studie zu „Gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit“ der Universitäten Bielefeld und Marburg fanden die Forschenden unter anderem auch heraus, dass es bei einem Patriotismus mit einer starken Befürwortung demokratischer Strukturen zu weniger Fremdenfeindlichkeit komme, zumindest solange die Identifikation mit dem Land keine so wichtige Rolle spielt, trotzdem immer unter Vorbehalt, dass diese Stimmung kippen kann. Dass Rowling sich zum Beispiel in der Debatte um das Referendum in Schottland gegen die nationalistischere Idee der Unabhängigkeit ausgesprochen hat, zeigt wie gut sie in diese erdachte Kategorie passt. Ihre eigenen Werte stehen über ihrer Liebe zu dem Land. Das ist schließlich auch die Botschaft, die Rowling am Ende in ihrem Buch verkündet, trotz der vorherigen Diskussion:

»Ziel des Trimagischen Turniers war es, das gegenseitige Verständnis unter den Magiern verschiedener Länder zu fördern. Im Lichte dessen, was geschehen ist – der Rückkehr Lord Voldemorts – sind partnerschaftliche Bande wichtiger denn je. (…) Lord Voldemort besitzt ein großes Talent, Zwietracht und Feindseligkeit zu verbreiten. Dem können wir nur entgegentreten, wenn wir ein nicht minder starkes Band der Freundschaft und des Vertrauens knüpfen. Unterschiede in Lebensweise und Sprache werden uns nicht im Geringsten stören, wenn unsere Ziele die gleichen sind und wir den anderen mit offenen Herzen begegnen.« (S. 755f.)

Rowling appelliert also letztendlich durch den Charakter Albus Dumbledore, daran, dass Nationenunterschiede irrelevant sind und keine Rolle spielen sollten.